FAZ, Google, VG Wort und irgendwo auch Bibliotheken

Wieviel Selbstbetrug ist dabei, wenn man dem “liebenswerten” Riesen Google traut? Bunt und lässig wirkt die schnelle Suchmaschine und ihr Motto “Don’t be evil” ist geradezu sympatisch. Das Versprechen, nicht mehr in Büchern blättern zu müssen, ist eine Verheißung, die Google mit “Google Books” glaubhaft werde lässt.

Aus ehemaligen Gegnern dieses Projektes, den Autoren und Verlegerverbänden, wurden in den letzten drei Monaten nach der bahnbrechenden Einigung am 28. Oktober 2008:engl: „Branchenpartner“. Damit ist man bei der Sache also schon beim “Wir” angekommen.

Eng wollen die Suchmaschinisten mit ihnen zusammenarbeiten, „um noch mehr Bücher dieser Welt online verfügbar zu machen“. Das utopisch Vermessene steckt in der Wendung „dieser Welt“, welche Google erneut zu erobern ausgezogen ist – und wie wohl niemand zuvor in der Geschichte über alle Kulturen, Sprachen und Religionen hinweg tatsächlich in den Griff zu bekommen scheint.
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Anders ist da der Auftritt deutscher Streiter wie der VG Wort, die nun gegen das Projekt Google Books vorgehen möchten, für das Google in den USA “trotz bisheriger Rechtsunsicherheit schon sieben Millionen Bücher digitalisiert” hat.

Was bietet Google Books?
Das sind mehr oder weniger gute “Google-Scans” von sieben Millionen Büchern. Sechs Millionen davon sind noch immer urheberrechtlich geschützt, aber bereits fünf Millionen befinden sich nicht mehr im Druck.

Die Einigung im Oktober bezieht sich auf die Bücher “Out of Print”, welche nun besser zugänglich gemacht werden sollen, d.h. gegen eine Lizenzgebühr. Und das wird besonders für Bibliotheken teuer, zumal damit erhebliche Nutzungseinschränkungen verbunden sind.

Geplant sind eine Privatanwenderlizenz, eine Institutionslizenz sowie eine „Public-access“-Lizenz für Bibliotheken. “Public-access” bedeutet, die Werke dürfen einem Publikum zugänglich gemacht werden und zwar:

  • an einem einzigen Terminal pro Bibliothek
  • mit Extragebühren für den Ausdruck von Teilen

Super fortschrittlich, fällt mir da nur ein. Es ist vor allem eine gute Sache für Google und die Verlage, denn ein Drittel der Gebühren kassiert Google und zwei Drittel sollen über die neu zu schaffende „Book Rights Registry“ an die Rechteinhaber verteilt werden.

Ein Buchautor soll sechzig Dollar erhalten. Am 5. Mai wird ein New Yorker Gericht über den Schlichtungsantrag entscheiden.

Reaktionen aus/in Deutschland

Die deutschen Verbände unter Federführung der VG Wort wehren sich gegen diese Vereinnahmung “ihrer Werke” durch den Jungspunt Google, da “einige”1 urheberrechtlich geschützte Werke ebenfalls digitalisiert wurden, weil sie sich in amerikanischen Bibliotheken befanden.
Als besonders schwierig empfunden wird, dass amerikanisches Recht für deutsche Urheberrechtswerke gelten soll. Durch die Opt-Out-Vertragsgestaltung, können deutsche Rechteinhaber bspw. nur nachträglich erreichen, dass ihre Werke nicht angezeigt werden sollen bei Google Books. Dafür müssen sie Kenntnis davon erhalten, dass ihr Buch betroffen ist.
Ein zweiter Problempunkt ist die neue Registratur, welche wohl einen erheblichen Mehraufwand für die Verlage bedeuten würde.

Worauf man stattdessen hinauswill – ob ein Verbot der Nutzung durch Google oder nur deutlich bessere Bedingungen als die amerikanischen Kollegen -, bleibt unklar.

Die Frage, die man sich auch stellen muss ist, warum die Verlage ausgerechnet “die rüstige Verwertungsgesellschaft” vorschickt, wie Oliver Jungen sie bezeichnet, um in Amerika eine Klage durchzufechten, die “indes so rührend wie sinnlos” erscheint. Justiziare des Börsenvereins scheinem mir da in jeder Hinsicht fitter zu sein als die VG Wort. Die Verwertungsgesellschaft spielt wohl gerne den Don Quichotte und kämpft gegen Windmühlenflügel. Die eigentliche Problematik wird dabei in den Hintergrund gedrängt: Wie geht man hier in Deutschland sinnvoll mit der nicht aufzuhaltenden technischen Veränderung in der Medienwelt um?

Gemeinwohl, Copyright und Urheberrecht
Jungen betrachtet in seiner Glosse auch die “traditionell für die Verwaltung des buchgespeicherten Wissens zuständigen Instanzen”, die bisher wenig auf sich aufmerksam gemacht haben in Dingen “Digitalisierung”. Er bezieht sich dabei auch auf die Argumente von Robert Darton:engl: , der sich in der Ausgabe der „New York Review of Books“ ausgiebig mit Chancen und Risiken von Google Books auseinandersetzt und die Philosophie von Open Access vertritt.

Openness is operating everywhere, thanks to “open access” repositories of digitized articles available free of charge, the Open Content Alliance, the Open Knowledge Commons, OpenCourseWare, the Internet Archive, and openly amateur enterprises like Wikipedia. The democratization of knowledge now seems to be at our fingertips.

Er sieht dies Offentheit als Vorteil für das öffentliche Wohl und beruft sich dabei auch auf die amerikanische Verfassung Artikel 1, Section 8. Darin wird das Copyright und werden Patente zeitlich begrenzt und höheren Zwecken wie Wissenschaft und Künsten untergeordnet.

The Founding Fathers acknowledged authors’ rights to a fair return on their intellectual labor, but they put public welfare before private profit.

Er kritisiert, dass Privatunternehmen zunehmen die Kontrolle über den Informationszugang jedes Einzelnen erhalten. Google habe selbt privatwirtschaftlich keine wirklichen Konkurrenten mehr. Für die Schaffung einer staatlichen Digitalen Bibliothek wäre es nun auch zu spät. So könne Google ein Monopol aufbauen – auch noch mit dem Einverständnis der Autoren und Verlage. Dies versetzt den jungen Riesen in die Lage, Preise für die Lizenzen ähnlich den Zeitschriftenverlagen drastisch zu erhöhen. Kommen wir jetzt von der Zeitschriftenkrise in die Informationskrise? Denn für Bibliotheken bedeuet es, dass sie ähnlich wie im Fall der stetig steigenden Abonnementkosten zahlen müssen und da zahlt letztendlich der Steuerzahler.

Wie bedeutend ist die Digitalisierung?
Das Fax wurde als das Ende der Briefe angesehen und doch hat es sich nicht durchgesetzt. Gefährlicher war diesem Medium da wohl die E-Mail. Darton warnt:

Yet this is also a tipping point in the development of what we call the information society. If we get the balance wrong at this moment, private interests may outweigh the public good for the foreseeable future, and the Enlightenment dream may be as elusive as ever.

Jungen fragt aus diesem Grund, wie deutsche Bibliotheken in diesem Kampf aufgestellt sind. Er will wissen, ob die die führenden deutschen Bibliotheken gut auf den “Digitalisierungsangriff durch Google” reagieren können und ob sie sich gute Bedingungen aushandeln können. Er fragt nach einem Gegenmodell oder einer gezielten Kampfansage.

Nichts davon. Es herrscht vielmehr eine Gemütlichkeit vor, wie sie sich aus den Zeiten des Positivismus wohl einzig in deutschen Archiven erhalten hat.

Und ausgerechnet Milan Bulaty, der Direktor der Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität, durfte sich äußern, Bulaty, der fast als Digitalisierungsgegner zu bezeichnen ist. Er hält die bestehende Digitalisierungseuphorie für übertrieben.

Technisch sei ja ganz faszinierend, was Google da treibe, aber Bibliotheken werde es weiter geben, stellt er klar, obwohl das gar nicht die Frage war. Eine wirkliche Meinung zu den Google-Plänen hat er nicht: „Wir Bibliothekare sind konservativ, von Berufs wegen.“ Das soll wohl heißen, man macht weiter, wie man es immer gemacht hat, und guckt in zehn Jahren noch einmal aus dem Keller heraus.

Es ist schrecklich, welches Bild Bulaty von unserem Berufsstand damit malt. Stereotyp ist seine Meinung und die darf nicht verallgemeinert dargestellt werden. Wo werden die “Jungen Wilden” an dieser Stelle gefragt – nun gut, sie sind in den seltensten Fällen bereits Entscheidungsträger. Und bestehende Konzepte für Digitale Bibliotheken, wie beispielsweise die Europeana:engl: scheitern an den Erwartungen von googleverwöhnten Nutzern und der mehr oder weniger konstruktiven Kritik von Fachleuten und der Ideenlosigkeit und Angst der einen ständigen Kompromiss suchenden Entwicklern des Projektes.

Schwierig zu erklären ist es der Öffentlichkeit, warum die Deutsche Nationalbibliothek Gedrucktes sammelt, aber eine digitale Fassung der Werke wurde bei der Gesetzesänderung Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek 2006 zwar angedacht, aber als Lösung nicht wirklich in Betracht gezogen. Hier zeigt sich einmal mehr auch der Stand der Bibliotheken gegenüber den Verlagen, die zwar problemlos diese Fassung hätten liefern können, die aber – wie man anhand der Reaktionen von Börsenverein und VG Wort sehen kann – sicherlich Sturm gelaufen wären.

Bei der Betrachtung von Googles Book Search muss man die zwei Seiten der Medaille gegeneinander abwägen. Wiegt der Zugang zu fünf Millionen Bücher Out of Print die Gefahr auf, dass ein Monopolist die Zugangsberechtigung dafür nach Lust und Laune bestimmen kann?

Ein Alleingang deutscher Bibliotheken in Bezug auf die Digitalisierung im Stil von Google ist bei der Finanzlage und Personalknappheit nicht zu leisten. Abwartend steht die Deutsche Nationalbibliothek Google gegenüber.

„Wir warten noch die paar Monate ab, ob die Einigung bestätigt wird.“ Und dann? „Dann sehen wir mal.“ So hat man schnell das Nachsehen.

Die Bayerische Staatsbibliothek ist hier in Deutschland bis jetzt die einzigste Bibliothek, die mit Google zusammenarbeitet. Ein großer Kritikpunkt war die fehlende Transparenz dieses Abkommens: mit Google. Ansonsten wird lieber selbst digitalisiert, da man verlässliche und langfristige Ergebnisse erzielen will. Da ernährt sich das Eichhörnchen natürlich mühsam. Google hat viel Geld in die Hand genommen, um in schnellster Zeit einen großen Datenbestand für Google Books zusammenzustellen, aber sicherlich auch mit dem Hintergedanken, dieses Geld wieder reinzuholen. Diese Gewissheit haben unsere Bibliotheken nicht und die Digitalisierung eines Buches ist teuer. Vierzig Euro etwa kostet es.

In Bezug auf die benötigten, zentral koordinierten Digitalisierungprojekte zitiert Jungen Barbara Schneider-Kempf, die Direktorin der Staatsbibliothek zu Berlin:

„Seit Jahr und Tag wird ja über digitale Bibliotheken geredet, aber es ist nichts passiert.“ Zwar fördere die Deutsche Forschungsgemeinschaft entsprechende Projekte, aber eben nur im kleinsten Rahmen.

Schneider-Kempf findet das Google-Monopol schon bedenklich, aber kann oder will sich blauäugigerweise nicht vorstellen, dass Google seine Macht mißbraucht. Mag da heute noch der Satz gelten “Geld regiert die Welt”, ist er bereits heute nur noch halb wahr. Geld regiert die Welt und die Information das Geld.

Oliver Jungen hat sehr pointiert einen guten Feuilleton-Artikel geschrieben und endet pessimistisch:

Aber das ist nun mal der Lauf: In Deutschland fängt man niemals an. In Deutschland hört man auf.

Ben Kaden , der sich im IBI-Weblog ebenfalls mit diesem Feuilleton auseinandersetzt, meint:

Ob sich Milan Bulaty oder Barbara Schneider-Kempf darauf hin zu einer Haltung des “Jetzt zeigen wir’s ihm aber!” durchringen oder geduldig die andere Wange hinhalten, schlicht wissend, dass die Digitalisierung von Altbeständen nunmal nur einen Teil der Hefe im großen Kuchen digitaler Bibliotheksdienstleistungen beisteuert, bleibt abzuwarten.

Was ist des Pudels Kern von Jungens Glosse? Was sollten Bibliotheken daraus mitnehmen? Sie müssen aktiver wirken, damit die Öffentlichkeit, wie die, die diesen Artikel gelesen hat, merkt, dass hier nicht kapituliert wird.
Ben stellt zurecht fest, dass Jungen Googles Zielscheibe doch ein wenig zu hoch (…)hängt und die deutschen Bibliotheken wohl mindestens ein Geschoß zu tief [vermutet].

Qellen:
Jungen, Oliver: Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus, FAZ.net
Darton, Robert: Google & the Future of Books:engl: , In: The New York Review of Books, 56 (2009) 2
Ben Kaden , “bereit, auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen”? Kein bisschen, meint die FAZ, wenn sie an unsere Bibliotheken denkt. via IBI-Weblog

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  1. Es lässt sich schon streiten, ob zehntausende Bücher gleich einige sind. Die Zahlen wirken wenig vertrauenswürdig und genau. []

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