Twittern – Etwas für Bibliotheken?

“Twittern: Wird schon wieder die nächste Sau durch’s Dorf gejagt?” fragt sich heute Ilona Munique Jürgen Plieninger von Fobikom.
Man könnte das annehmen, denn nicht nur Suchmaschinen entdecken plötzlich den kleinen schnellen Nachrichtendienst.

Unter http://www.twitter.com/ finden Sie einen Dienst, bei dem Sie sich anmelden können und dann die Möglichkeit haben, entweder privat oder öffentlich kleine Nachrichten und Links von maximal 140 Zeichen formulieren und abschicken zu können.

Wie jedoch kann man diesen Dienst nun für Bibliotheken einsetzen? Natürlich müssen die Nachrichten öffentlich sein. Hier lassen sich kleine Ereignisse zeitnah vermitteln. Vorteilhaft ist dafür auch der mit diesem Nachrichtendienst verbundene RSS-Feed, denn so können die dort erstellten Einträge von jedermann abonniert oder in andere Informationsangebote integriert werden.

So lassen sich beispielsweise Neuerwerbungen twittern. Zum Beispiel:

Die Bibliothek der Fachhochschulstudiengänge Burgenland in Eisenstadt twittert ihre Neuerwerbungen.

Das bietet sicherlich nur an, wenn die Zahl der neu erworbenen Medien überschaubar ist.

Eine zweite Möglichkeit, für die Twitter von Bibliotheken einsetzbar ist, ist die Veröffentlichung von Hinweisen zu bibliotheksrelevanten Artikeln, Ereignissen, Konferenzen etc. Beispielsweise ist da das Microblog von der Library of Congress:engl: zu nennen.

Bereits im produktiven Einsatz ist Twitter, wenn es darum geht von Konferenzen zu zwitschern, d.h. auf neudeutsch zu twittern. Auch immer mehr Verlage wie Wiley-VCH:engl: sind bei Twitter, so dass Bibliotheken sich bei ihnen über neuste Verlagsangebote auf dem Laufenden halten können. Auch bibliothekarisch interessante Zeitschrifte informieren über neu erschienene Artikel:engl: oder interessante Quellen.
Auch der fachliche Austausch lässt sich mit Twitter beschleunigen. Da liest man dann auch schon mal folgende Bemerkung, die garantiert ihre Berechtigung hat:

ist man automatisch “informationskompetent”, wenn man BibliothekarIn ist? Einige scheinen es ja zu denken

Ich persönlich nutze Twitter, um wenigsten auf die Texte aufmerksam zu machen, die ich hier gerne genauer unter die Lupe genommen hätte, wofür mir aber letztendlich die Zeit gefehlt hat. 140 Zeichen bei Twitter schreiben sich schneller als ein langer Post hier im Blog. Erstaunlich fand ich, wie schnell sich Follower fanden, die das Microblog mitlesen. Andererseits entdeckt man auch sehr schnell neue interessante Twitterer.

WordPress-Nutzer erhalten außerdem mit Twitter Tools ein wirksames Plugin, mit dem sie ihre Zwitschernachrichten im Blog anzeigen lassen, vom Blog aus auch eigenständige Microposts veröffentlichen oder einen kurzen Hinweis auf einen neuen Blogbeitrag bei Twitter anzeigen lassen können.

Interessant, wofür Twitter gut sein kann. Inzwischen kursieren die Twitterthesen von Autopoiet im Netz. David Lee King veröffentlichte in seinem Blog 10 Möglichkeiten für Bibliothekare, Twitter zu nutzen:engl: . Der Selbstlernkurs 13 Dinge wurde mit der Bonusrunde Twitter ergänzt.

Twitter ist inzwischen da. Der Dienst versorgt uns fast in Echtzeit mit Informationsschnitzeln, die wir weiterverfolgen können oder nicht. Er ist schnell, aufs wesentlichste der Information reduziert und er ist einfach von jedermann nutzbar. Wir können unsere Bibliothekskunden so besser erreichen. Allerdings besteht die Frage, die ich auch immer wieder bei Blogs und anderen bibliothekarischen Community-Angeboten stelle: Wie kriegen wir jetzt die Bibliotheksnutzer dazu, diese Angebote auch zu konsumieren/nutzen/dabei mitzuwirken?

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12 Kommentare

  • finder

    Hier wird schon auf den Beitrag verlinkt:
    Archieven.org: http://forum.archieven.org/index.php?topic=20618.msg30985#msg30985

    Archivalia: Twittern? – http://archiv.twoday.net/stories/5545609/

  • Ehre, wem Ehre gebührt – der Artikel übers Twittern stammt von Kollege Jürgen Plieninger. Aber ich wollte, er wäre von mir ;-))
    Danke, JPli, für den interessanten Abriss. Denn auch ich bin mir noch nicht so recht sicher, ob ich dieses “Borstenvieh” füttern möchte. Ehrlich gesagt macht mir besagte “schnelle Taktfolge” zu schaffen, denn gute Recherchen dauern einfach seine Zeit. Und gibt es denn im Bibliotheks- und Bildungswesen wirklich so furchtbar viel Wichtiges, dass es nicht auch einen Tag abwarten könnte? Das frägt sich im übrigen eine, die sich als ziemlich hurtig einschätzt und sich hin und wieder sogar als “zu schnell” bezeichnen lassen muss.

    Gut. Bleibt immer noch die Nutzung der verschiedenen Kommunikationswege. In Übertragung zu Deiner “Sau durchs Dorf” hieße dass, das mein Bauernhof jetzt so langsam viele verschiedene Nutztierrassen durchfüttern muss. Das Zugpferd “Webseite” hat ja so langsam fast ausgedient und kommt wie ein müder Ackergaul einher. Die Webseite, getarnt als Blog (oder umgekehrt), ist dann eine Neuzüchtung in Richtung “Eierlegende Wollmilchsau”, falls letzt genannte Tierart hierin ebenfalls integriert werden könnte. Die Umstellung von netbibblog scheint ja darin begründet zu sein, oder habe ich das jetzt falsch interpretiert?
    Du siehst, lieber Jürgen, Deine Aufklärungsarbeit beginnt bereits in den eigenen Reihen zu wirken. Wir hoffen alle auf mehr von Dir.

    • Dörte Böhner

      Vielen Dank für Ihren Kommentar, Frau Munique. Ich habe meinen Fehler gleich im Post berichtigt. Ich fand den Artikel sehr interessant und habe wohl ein wenig die Kritik, die er enthält, überhört.
      Die hohe Taktfolge hat wohl eine schnellere Verbreitung von Informationen zur Folge, die für das Tagesgeschäft nicht unbedingt notwendig ist. Allerdings in mittelbarer Hinsicht sollte man Twitter vielleicht nicht unterschätzen, auch wenn die Information, die damit übermittelt wird, einen Tag älter ist. Ich vermute stark, dass sich das Twittern auf die Sichtbarkeit der eigenen Informationsangebote hat. Google ist eine Suchmaschine, die nach Aktualität schaut, wenn es um das Ranking geht. Hiermit kann man mit Twitter bibliotheksrelevante Inhalte sicherlich weiter vorne plazieren. Auch die Reichweite weiterer eigener Informationsangebote kann so sicherlich erhöht werden. Wichtig ist an der Stelle eine konsequente Verknüpfung dieser Angebote. Ich denke, es macht wenig Sinn, nur in Twitter Nachrichten zu veröffentlichen oder nur das Blog dafür zu nutzen. Die Neuigkeiten aus Twitter sind durch RSS-Feed schneller und vor allem einfacher in eine statische Website zu integrieren, als es eine manuelle Verlinkung wäre, die man dann auch noch regelmäßig überarbeiten muss.

      Man sollte nicht alles mitmachen (müssen), sondern klar entscheiden, was kann dieser Dienst, welche Risiken verbergen sich dahinter oder welche Vorteile. Für mich war klar, Twitter ist die Lösung für Lesehinweise zu Texten, die ich nicht im Blog verarbeiten wollte, die ich aber interessant fand.
      Was eine Website angeht, denke ich nicht, dass sie sich als Blog tarnen muss oder dass ihre Zeit vorbei ist. Man muss das entsprechende Konzept der Website nur kritisch überdenken. Es wird dabei auch auf die Kombination der verschiedensten Möglichkeiten ankommen. Die Fragen sind auch: Mit welchen Informationen will ich wie sichtbar sein. Aktualität ist für Google dabei ein sehr wichtiges Argument, eine Seite weit vorne sichtbar zu machen.

      Was Twitter überraschend gezeigt hat – und ich bin erst seit einer Woche bei Twitter – ich kann eine große Vielzahl von Quellen in sehr kurzer Zeit nach relevanten Inhalten scannen. Vielleicht hat mich das Twitter-Fieber erwischt, aber ich finde es momentan sehr zeitsparend.

  • Danke für den interessanten Beitrag.

    Ich persönlich nutze Twitter, um wenigsten auf die Texte aufmerksam zu machen, die ich hier gerne genauer unter die Lupe genommen hätte, wofür mir aber letztendlich die Zeit gefehlt hat.
    Genau sowas – Kurzmeldung, die nach einer bestimmten Kriterien zusammengefasst werden und auch bei thematischer Abweichung nicht “zu viel Raum” einnehmen – wollte ich auch schon immer haben, aber die meisten Ansätze für WordPress waren zu umständlich oder unpraktisch. Ich probier das jetzt mal mit Twitter, weil es in 5 Minuten eingebunden ist und läuft. Lieber wäre mir aber schon, wenn alles in meiner Hand bliebe (Zeichenlänge und auch ggf. Bearbeitung und Löschung von Tweets), aber zur Not mißbrauche ich auch Twitter. 🙂

    Zum Einsatz in Bibliotheken würde ich erst mal einen Gang zurückschalten, denn vom Prinzip her bietet bereits RSS das interessanteste Grundfeature, aber zu besseren Konditionen: Pull-Verfahren (bei Twitter quasi das Follow). Ich sag mal, dass dies das interessanteste sei, weil letztlich muss der Nutzer sowohl bei Twitter als auch bei RSS entscheiden, ob er von irgendwem (z.B. einer Bibliothek) weitere Informationen beziehen will und insofern bleibt das Grundproblem das selbe (“Wie kriegen wir jetzt die Bibliotheksnutzer dazu, diese Angebote auch zu konsumieren/nutzen/dabei mitzuwirken?”). Die Frage ist halt das Grundproblem (obwohl genaugenommen eher die Frage ist, ob Nutzer die überhaupt potentiell Interesse daran haben könnten, entsprechend versorgt werde) und so gesehen ist das Problem aber zunächst auch weitgehend von RSS und Twitter unabhängig. Insofern fände ich die Frage interessanter, ob man das (privatwirtschaftliche) Produkt Twitter, das Prinzip Twitter oder nur die Pull-Möglichkeit mit zentralem Anlauf haben will (oder…?).

    Vielleicht ändert Twitter aber auch vor allem einfach langsam – ähnlich wie Handys und SMS 😉 – die allgemeine Anspruchshaltung, frei nach dem Motto “Warum twittern die von der Bibliothek mir nicht, dass sie heut geschlossen haben auf mein Handy(-abo)?”. Vielleicht entstehen so erst die potentiell interessierten Kunden, weil sie nun die Möglichkeiten kennen, die man ihnen mit RSS allein/speziell (und den Möglichkeiten drumherum) nie so recht hat vermitteln können und die einfach (genauer: transparent) sind.

    So gesehen ist die Antwort zur Nutzeraktivierung im wesentlichen vielleicht auch, dass das Ergebnis am besten zu “steigern” ist, wenn man die Hilfsmittel einfach(er) gestaltet. Usability allein ist es sicher nicht, aber rückt vielleicht auch manchmal zu schnell in den Hintergrund…

  • Dörte Böhner

    Das sind mal wieder sehr interessante Fragen. Hauptfrage ist dabei, wie müssen die Angebote der Bibliotheke gestaltet werden, dass sie als Service beim Nutzer ankommen. Ein Punkt ist die Pluralität der Informationsangebote, die von Bibliotheken kommen müssen. Das Handy(abo) ist da sicherlich auch nur ein weiterer Punkt – auch hier ist eine Anmeldung des Bibliotheksangebotsnutzers Voraussetzung.

    Generell sollten wir überlegen, wie Services gestaltet werden müssen, dass sie da ankommen, wo sie benötigt werden. Und da steht man im Alltag manchesmal recht hilflos da. Wenn Bibliothek in Seminaren immer nur als Pflichtveranstaltung stattfindet, als Ort, wo man zwangsweise hin muss, um Bücher zu holen und dort eigentlich immer nur mit Regeln “drangsaliert” wird, ist es schwierig, gegen so eine Wand ein neues Serviceangebot zu etablieren. Daher ist es notwendig zu schauen, wo sich die meisten Nutzer aufhalten und sie dort abzuholen. Das kann Twitter sein, aber auch StudiVZ. Wichtig ist, dass die Angebote letzendlich auch an einer zentralen Stelle gebündelt werden.
    Und damit sind wir wieder bei einer Frage: Bibliothek als Ort oder Bibliothek als Virtueller Raum? Wo sind hier unsere Stärken und wie können wir sie einfach und nachfragegerecht umsetzen?

    Die Nutzeraktivierung ist ein Problem, wenn wir es nicht schaffen, ein Bedürfnis, das besteht zu befriedigen. Allerdings haben wir da ein Problem. Zum Beispiel: Das Bedürfnis, kompetent mit Informationen umzugehen besteht, wird allerdings erst erkannt, wenn es dafür fast zu spät ist – nämlich dann, wenn die Abschlussarbeit nicht so vorangeht, wie man sich das wünscht. Informationen sind so allgegenwärtig, dass man gar nicht vorher erkennt, dass die Informationen, die man wirklich benötigt, nicht so einfach zu beschaffen sind. Und wir stehen dann an der Stelle – wir haben Angebote gemacht, die nicht wahrgenommen worden sind, weil eben das Bedürfnis zu dem Zeitpunkt nicht erkannt wurde.

    Wie können wir also die Nutzer rechtzeitig!!! für diese Probleme sensibilisieren? Aber er muss sensibilisiert sein, um Angebote der Bibliothek als Hilfestellung wahrzunehmen, nicht als etwas, was er eben machen muss, weil esTeil des Lehrplanes ist oder eine zusätzliche Zwangsveranstaltung seines Studiums. – Das heißt, eigentlich müssen wir an dieser Stelle auch unser Image überdenken. Und vielleicht hilft uns hier eine verteilte Sichtbarkeit in einem Medium, wo sich unsere Kunden relativ viel aufhalten. Dass es die eine Lösung gibt, über die wir unsere Nutzer erreichen, halte ich für ausgeschlossen, da sich die Informationskanäle weiter pluralisieren. Twiitter ist da nur eine Möglichkeit von vielen, präsent zu sein. Sie muss wie alle Angebote, die wir nutzen können und derzeit nutzen auf ihre Effektivität überprüft werden.

  • jplie

    Hallo allerseits,
    das sind sehr interessante Gedanken, die hier ausgetauscht werden. Herzlichen Dank, Frau Böhner, dass Sie meinen Ursprungsartikel, der dezidiert auf den Bereich Fortbildung gemünzt war, als Anlaß genommen haben, das Thema in Richtung Bibliotheken zu interpretieren. Einige Überlegungen, die mir jetzt beim Lesen der Kommentare kamen:
    – wenn kurze Twitter-Meldungen sich für die Bibliothek nicht anbieten, kann man ja auch durchaus überlegen, ob man einen Twitter-Account nicht für die Trägerorganisation einrichtet, bei der sicher mehr Meldungen anfallen als für die Bibliothek allein. Ich führe beispielsweise seit 14 Tagen einen Twitter-Account für mein Institut und allein gemessen an der Zahl derjenigen, die den Account als Twitter-User (“Follower”) abonniert haben, kann man ablesen, dass zumindest bei der Zielgruppe Studierende sich der Aufwand lohnt
    – leider kann man so management/marketingmäßig im Vorhinein nicht richtig abschätzen, ob man so einen Account richtig füllen kann, denn a la Gandhi entsteht der Weg beim Gehen. Meine Erfahrung: Wenn man einmal so etwas eingerichtet und Freude am Schreiben hat, dann fallen einem viel mehr Dinge ein, die meldenswert sind, als man gedacht hat.
    – @ilona: Die Homepage wird nicht überflüssig. Ich sehe sie als Grundlage des Informationsangebotes einer Bibliothek, in der die notwendigen Informationen und Anleitungen in strukturierter Art und Weise angeboten werden. Weblogs, Wikis, RSS und auch Twitter sind ergänzende, dynamische Teile des Informationsangebotes einer Bibliothek, die einen anderen Mehrwert bieten als die Homepage. Klar kann ich mit Hilfe eines Weblogs eine Homepage nachbilden, ich weiß aber nicht, ob es so sinnvoll ist, hier basteln zu müssen, was dort schon steht
    – @tobias zeumer: Ich sehe es auch so, dass RSS erstmal die Grundlage ist. Da jedoch Twitter auch RSS bietet, habe ich die Möglichkeit, hier einen zweiten Feed anzubieten, der eben mehr und kürzere Meldungen bringt. Das ist ein Schritt mehr auf dem Weg dorthin, dass jede Benutzerin und jeder Benutzer entscheiden kann, was sie/er will:längere, illustrierte Meldungen in größerem Abstand oder kürzere, aktuellere Meldungen in kurzem. Oder beides. 😉
    Und vielleicht an alle, denen Twitter suspekt ist: Ging mir auch so. Geht mir zum Teil immer noch so. Man ist immer am Entdecken, am Überlegen, am Ausprobieren und – eventuell schlussendlich – am Implementieren. Die Sache bleibt spannend, oder?
    In diesem Sinne grüßt
    Jürgen Plieninger

  • Beiden Vorrednern kann ich mich in allen Punkten anschließen. Die Notwendigkeit verschiedener Dienste, um adäquate Imagegestaltung für Bibliotheken mit Hilfe der (elektronischen) Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und natürlich den Nutzern einen bestmöglichen Zugang zu aktuellen Informationen zu ermöglichen, ist nicht in Abrede zu stellen. Ganz im Gegenteil.
    Es ist jedoch die steigende Taktfolge der einzurichtenden, zu unterhaltenden und zu beobachteten Dienste, die einen gelassenen und inhaltsreichen Arbeitsfluss immer schwerer möglich zu machen scheinen. Es sieht sogar so aus, dass es mittlerweile mehr um die ständige und schnelle Vernetzung von Informationen mit einem möglichst hohen Ranking ginge, als um eine differenzierte Inhaltserschließung oder gar die Neuerstellung von Inhalten. Oberflächlichkeit oder Relevanz? Wer kann das noch guten Gewissens unterscheiden?

    Beispiel: wenn im FobiKom-Weblog auf Informationen aus anderen Seiten hingewiesen wird, kann das relativ schnell erfolgen. Recherche relevanter Seiten, ein einleitender Satz, ein Zitat, Link gesetzt, fertig. Doch: welche Quellen wurden durchsucht? Sind sie ausgewogen genug? Wie gut wurde der Inhalt erfasst und demzufolge zusammengefasst? Wurde lediglich unreflektiert nachgeschwätzt oder doch nachgedacht, ob denn alles Gelesene in sich stimmig erscheint und so auch verantwortlich in Umlauf gebracht werden soll?

    Es dauert einfach seine Zeit, zu den gefundenen Informationen eine eigene Meinung anzubieten und eventuell noch ergänzende Informationen einzubinden. Noch länger dauert es, Informationen redaktionell selbst zu erstellen, wie zum Beispiel in unserer Interviewserie “Fort- und Weiterbildung im Gespräch mit …” oder bei Rezensionen. Ein echter Luxus, der im Moment auch leider mangels Zeit etwas zurück steht.

    Einen Weblog in Gang zu halten, der nicht nur Informationen verbindet, sondern auch selbst bereichernd sein möchte, kostet Zeit. Twittern wird ebenfalls Zeit kosten, auch, wenn es ein zugegeben schneller, relativ anspruchsloser Dienst ist. Daher die Frage, die sich jede/r für ihren/seinen Arbeitsbereich selbst stellen und beantworten muss: will und brauche ich es, oder nicht. Doch diese Antwort wird einem mittlerweile von den Nutzern aus den Händen gerissen, die ganz gerne ALLES wollen.

    Zum Schluss will ich einschränkend doch noch einmal darauf hinweisen, dass sich meine Kommentare etwas mehr auf die Arbeit der BIB-Kommission für Fortbildung und auf die Arbeit in der Fort- und Weiterbildung bezog, nicht so sehr auf die klassische Bibliotheksarbeit. Auch Jürgen hat ja den Bogen gespannt zum Bildungsbereich und der Frage, ob Twittern hier bereits jetzt genutzt werden sollte.

    In Anbetracht der (dem vorletzten Absatz widersprechenden) Tatsache, dass bei zu schulenden BibliothekarInnen nicht einmal Schulungsplattformen besonders beliebt sind, kann ich getrost aufatmen: die meisten meiner Seminarteilnehmenden sind es vollauf zufrieden, wenn sie eine Fotodokumentation erhalten – sich vor oder nach dem Seminar miteinander auszutauschen, etwa ein Wiki nutzen, ach, egal über welche Dienste den Informationsbackround mitzugestalten … dazu haben bzw. nehmen sich die wenigsten Zeit. Eine Ausnahme bieten natürlich Schulungen zum Beispiel zu Web 2.0 & Co.

    Fazit, sowohl für die FobiKom als auch für Bibliotheken:
    alles, was machbar ist, wird früher oder später eingefordert. Reine Informationsbroker werden sich keinem Trend verschließen – das dürfte die Facette der Quantität sein.
    “Informationstiefgänger” (die alte Garde?!?) bedauern die Schnelllebigkeit eher und setzen eigene Qualitätskriterien und Prioritäten. Sie jagen der aktuellen Sau eher weniger hinterher, sondern beobachten das muntere Treiben aus sicherer Distanz heraus und werden erst aktiv, wenn sich die Viecherei zu lohnen scheint.

    Gebraucht werden sicherlich beide, und in der Ergänzung und gegenseitiger Achtung liegt die Kraft. Manche Menschen schaffen – möglicherweise auch wegen geeigneter Rahmenbedingungen – den Spagat zwischen beiden Welten. Beiden Welten? Drei sogar: Treiber, Getriebener und Beobachter zugleich.
    So einer ist offensichtlich unser Kollege Jürgen Plieninger. Gut, dass wir ihn haben.

    P. S.: dieser ausführliche, meinungsbildende Kommentar ging zu Lasten einer möglicherweise näheren Beschäftigung mit den Vor- und Nachteilen zu Twitter & Co. Die nachfolgende Sonntagsbeschäftigung privater Natur ebenfalls. Mal sehen … morgen ist schließlich auch noch ein Tag … und wenn ich dann endlich einsehe, wie praktisch die neuen Dienste doch sind, tu ich wieder so, als hätte ich immer schon damit gearbeitet und verstehe gar nicht, warum die anderen … also, die ewig Gestrigen, … ist doch alles ganz einfach … und praktisch … wie haben wir denn bloß früher gearbeitet? Ne, unfassbar, …

  • Dörte Böhner

    Liebe Frau Munique, lieber Herr Plieninger,
    Ihre Beiträge zeigen deutlich, dass man sich vorher sehr genau überlegen muss, was möchte man selbst, welchen Zweck erfüllt ein Programm und wieviel Zeit will man investieren. Zu twittern, um dabei zu sein, ist eine Sache zum Selbstzweck und damit bestätigt man wohl eher bestehende Vorstellungen von Social Websites und einer narzistischen Natur.

    Gerade, wenn man instiutionell entsprechende Angebote nutzen möchte, spielen ja im Vorfeld noch einige andere Faktoren für die Nutzung mit: arbeitsrechtliche Voraussetzungen und IT-Sicherheits-Bedenken.

    Mit der Frage, ob sich Twitter wirklich für Firmen- beziehbar hier auch auf die Kommunikation von Interessengruppen – eignet, hat sich Dave Rosenberg von C|net beschäftigt.

    My recent short-lived experience showed me that enterprise micro-blogging provides minimal benefits to the organization. If our group had been much larger and we wanted to do some kind of short announcements, it might prove useful, though hardly compelling.

    Momentan wird man wirklich erschlagen von neuen Angeboten, die alle plötzlich In sind und dann sehr schnell wieder Out. Da hilft nur selbst reinschauen und dann entscheiden. Was man mitmachen will und mitmachen muss ist auch immer eine Entscheidung, wie man mit der Information umgehen will.

    Ob man als “Informationstiefgänger” , die es auch in der neuen Garde gibt, oder als Aggregator auftreten will, hat ebenfalls Auswirkungen auf die Wahl des Dienstes, d.h. man muss nicht alles mitmachen.

    Ich glaube, wenn man die Kommentare hier zum Post liest, entdeckt man zum Glück nicht nur pure Begeisterung, sondern eine ernsthaft kritische Auseinandersetzung mit Twitter aber auch den Web 2.0 zugrundeliegenden Kommunikationsgedanken.

  • Dörte Böhner

    Kann man Twitter als Teil der Elektronischen Auskunft verwenden? Anders als bei Skype müsste hier keine extra Software installiert werden. Twitter als Teil eines Question- & Answer-Dienstes.

    Francoeur, Stephen: Twitter as a Q&A Service Digital Reference

  • Pingback: Bachelorarbeit zu Micro-Blogging « Jakoblog — Das Weblog von Jakob Voß

  • finder

    Erwähnt bei Archivalia:
    Twittern (27.02.2009)