Europa und Google Books

Der Bundesregierung und damit auch VG Wort und dem Börsenverein droht eine Niederlage auf europäischer Ebene, wenn es um die umstrittene Internet-Bibliothek von Google geht. Die EU-Kommission und die anderen großen Mitgliedsstaaten sind aktiv für das digitale Buchprojekt. Der Aufschrei, dass Frankreich dazu gehört, war in den letzten Tagen in der Presse zu lesen.

Die New York Times titelt Europe Divided on Google Book Deal und die FAZ sieht Der Kampf um das digitale Buch. Argwöhnisch betrachtet wird, dass die Französische Nationalbibliothek in Gesprächen mit Google ist. Kapituliert Frankreich vor Google? fragte die FAZ vor wenigen Tagen. Die Situation ist wieder in Bewegung.

Die französische Nationalbibliothek ist mit Google in Verhandlungen über eine Digitalisierung ihrer Bestände getreten.

Frankreich habe „nichts gegen die Idee“, Google einen Teil seiner Bücher anzuvertrauen, sagte die für digitale Wirtschaft zuständige Staatssekretärin, Nathalie Kosciusko-Morizet. Großbritannien und Spanien arbeiten schon seit längerer Zeit mit Google zusammen.

Damit sind Frankreich, Spanien und Großbritannien nicht mehr für einen Kampf zum generellen Verbot der Digitalisierung von europäischen Buchbeständen durch Google zu gewinnen. Starke Bündnispartner auf europäischer Ebene sind damit für das deutsche Ansinnen nicht mehr da. Dennoch hält Kulturstaatssekretär Bernd Neumann hält an der deutschen Position fest:

„Es kann nicht angehen, dass der freie Zugang zu unserem kulturellen Erbe monopolisiert und den Kapitalinteressen einer einzigen Firma unterworfen wird.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel teile diese Auffassung, hieß es in Regierungskreisen.

Die EU-Kommission betrachtet den Vormarsch der Google-Bibliothek mit Wohlwollen. 90 Prozent aller weltweit archivierten Bücher würden nicht mehr gedruckt und seien daher öffentlich nicht mehr zugänglich, gibt EU-Medienkommissarin Viviane Reding zu bedenken. „Es ist gut, dass neue Geschäftsmodelle entstehen, die diese Inhalte wieder zu den Konsumenten bringen“, sagte Reding dem Handelsblatt. Das Einscannen von Büchern sei eine kostspielige „Herkules-Aufgabe“, die der Staat nicht allein bewältigen könne.

Bedenken sind sicherlich auch dieser Meinung gegenüber angebracht. Das Einscannen der Bücher durch Google ist keine Gemeinschaftsaufgabe. Das Problem, dass sich hier ein Monopolist das Wissen der gesamten Welt zu eigen macht, ist wohl nicht so drängend. Es lässt sich sicherlich dieses Geschäftsmodell bejubeln und es scheint auch notwendig zu sein, aber über entsprechende andere Modelle muss auch nachgedacht werden. Muss einer alles digitalisieren? Können nicht verschiedene Modelle und Techniken erprobt werden, auch ohne dass dafür teure Digitalisierungsprojekte (inter)national ausgeschrieben und schlecht realisiert werden?

Google hat seiner digitalen Bibliothek nach eigenen Angaben inzwischen schon über zehn Mio. Bücher einverleibt und mehr oder weniger online zugänglich gemacht.

Google arbeitet weltweit mit 30 großen Bibliotheken zusammen, darunter mit den US-Elite-Hochschulen Harvard, Stanford und Princeton. Vorreiter in Europa war die renommierte Bodleian-Universitätsbibliothek von Oxford. In Deutschland schloss bisher nur die Bayerische Staatsbibliothek mit Google einen Vertrag.

Auch andere Firmen sollten darüber nachdenken. Es nützt nichts, gegen Google und Google Books Allianzen zu schließen, wenn man nur meckert und im Gegenzug nicht selbst aktiv wird. Eine Allianz allein gegen das Google Settlement bringt die Sache nicht voran und schadet dem begrüßenswerten Zugang zu nicht mehr gedruckten Büchern.

Und mal so nebenbei – Achtung Ironie!:

90 Prozent aller weltweit archivierten Bücher würden nicht mehr gedruckt und seien daher öffentlich nicht mehr zugänglich

Schöne Zahl, aber zugänglich sind sie wohl nicht allein dadurch, dass sie bei Google findbar sind, oder? Sie sind doch in irgendeiner Bibliothek zu finden, wo sie in gedruckter Form stehen, damit Google sie schließlich digitalisieren kann. Bibliothek heißt, zugänglich gemacht für denjenigen, der ihrer bedarf. Letztendlich wird jedoch nur der Zugang vereinfacht und auch nur dann, wenn die Bücher nicht nur über Google sondern auch über die Bibliotheken auffindbar sind. Im Umkehrschluss, wenn 90% über Google zugänglich sind, kann man Bibliotheken in Archive umwandeln und nur die 10%, die aktuell verfügbar sind, über Bibliotheken noch aktiv zur Nutzung anbieten. Ach, ich vergaß, die 10% werden in Auszügen über Google sichtbar sein und jeder kann sich dann das Kapitel, dass er benötigt bestellen und kaufen (natürlich über Google, den großen Vertriebspartner der Verlage). Ein Hoch auf die Zukunft der Bibliothek als Archiv und den neuen Print-on-Demand-Vertragspartner Google der Verlage. :ruhig:

Quellen
Ruth Berschens und Hans-Peter Siebenhaar – Paris öffnet Google Tür und Tor auf handelsblatt.de
Digitale Bibliotheken geöffnet via goodnews.de

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4 Kommentare

  • finder

    Klaus Graf reagiert in Archivalia auf bekannte Art und Weise:
    Don Qu… äh Deutschland beim Kampf gegen Google isoliert?

  • Matthias Ulmer

    Ich gebe Ihnen Recht: über das ganze Bohei kann man nur den Kopf schütteln. Deutschland isoliert…! Da werden Kriegsmetaphern gewählt, als ginge es um die Entscheidungsschlacht ums Abendland.

    Weil die BNF mit Google verhandelt soll Frankreich als Partner beim Protest gegen das Settlement wegfallen?

    Hat irgend jemand bemerkt, dass Deutschland, obwohl die BSB nicht nur mit Google verhandelt sondern längst schon kooperiert, dennoch seine Bedenken gegen das Settlement vorträgt? Was also ist durch die Gespräche der BNF mit Google jetzt anders geworden?

    Die Motivation von Jeanneney, dass die Google Suchmaschinen bei der Suche nach bestimmten Stichwörtern nur amerikanische Treffer auswirft war von Anfang an nicht so ernst zu nehmen, auch wenn Herr Jeanneney das unterhaltsam vortragen konnte.

    Ich denke, es ist ein Glück, dass man jemanden gefunden hat, der Investitionen in einen vollkommen unrentablen Bereich wie die Digitalisierung historischer Buchbestände vornimmt. Das ist eigentlich eine Staatsaufgabe.

    Und letzteres müsste man in Versalien schreiben. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, wie unglaublich peinlich es ist, dass sich die Bundesregierung oder die französische Regierung dieser Aufgabe verweigern und dafür nicht die notwendigen Mittel bereit stellen. Selbst wenn das 50 Mio. Euro kostet, das ist ein vollkommen lächerlicher Betrag. Für die Opel-Rettung will die Regierung dringend 4,5 Mrd. ausgeben, obwohl Opel gar nicht mehr gerettet werden will, GM also das Geld noch nicht mal will. Aber die Digitalisierung ist zu teuer. Das ist unsäglich peinlich. Und auch die Aussage, das könnte die Gesellschaft nicht stemmen, da sei man auf privatwirtschaftliche Initiativen angewiesen! Kann man seine Bankrotterklärung noch direkter formulieren?

    Das einzige, was wir in diesem Wahljahr zu dem Thema hören werden sind Ankündigungen für Kürzungen im Anschaffungsetat der Bibliotheken. Vivat Bildungsstandort.

  • Dörte Böhner

    Deutschlands Einstellung der Politiker zu Google Books und dem Settlement ist eine sehr schwierige. Sie ist ungefähr so komplex zu beurteilen wie das Urheberrecht, sind doch das Settlement und die Vertretung von Urheberrechtsinteressen sehr eng miteinander verknüpft. Aber mal eine andere Frage: Wollten sich die Politiker ernsthaft gegen das Settlement aussprechen, warum lassen sie dann Fristen verstreichen bis zu denen Einsprüche und Bedenken gegenüber dem Gericht geäußert werden könnte? Meint man mit einer global-europäischen Vorgehensweise mehr zu erreichen?

    Deutschland ist in Europa bei dieser Frage wohl kaum isoliert, aber nach deutscher Gründlichkeit zu urteilen, gehen “gefühlsmäßig” immer mehr starke Bündnispartner verloren, die sich ganz und gar gegen Google und das Settlement stellen. So werden Frankreich und Großbritannien nicht komplett gegen das Settlement vorgehen (was anscheinend der Wunsch eines Großteils von Verlagen und Autoren ist, folgert man dies aus den Unterschriften des Heidelberger Appell. Kompromissbereitschaft wird hier vorneweg als Schwäche ausgelegt und es werden bei diesen Diskussionen auch keine Alternativen bedacht.

    Die BSB zeigt tatsächlich einen nahen und doch distanzierten Umgang mit Googles Angebot. Das Geschäftsmodell, dass hier anscheinend verwendet wird, bringt beiden Seiten erstmal Vorteile. Die BSB gibt ihre Bestände zur Digitalisierung heraus und erhält dafür die Digitalisate, die auch Google verwendet. And the winner is… – wohl erstmal beide. Weiterhin an Google Kritik zu üben, ist ja vom Vertrag scheinbar nicht ausgeschlossen worden. Doch wie weit darf man mit der Kritik gehen, um das gegenseitige Vertrauen und die fundamentale Basis des Vertrages nicht zu stören? Aber letzendlich hat die Bereitstellung gemeinfreier (u. vielleicht ja auch die verwaister) Werke wenig zu tun mit dem Settlement, in dem es um urheberrechtsgeschützte Bücher geht. Zwei Paar Schuhe, von denen man immer nur ein Paar tragen kann.

    Ich denke, es ist ein Glück, dass man jemanden gefunden hat, der Investitionen in einen vollkommen unrentablen Bereich wie die Digitalisierung historischer Buchbestände vornimmt. Das ist eigentlich eine Staatsaufgabe.

    Ließe sich diese Staatsaufgabe für die Zukunft nicht einfacher gestalten, wenn man sich zusammensetzt, d.h. Staatsmacht, Bibliotheken/Archive sowie Verlage und ein Konzept entwirft, wie man diese Mammutaufgabe für die derzeitig erscheinenden und zukünftigen Verlagsprodukte lösen kann? Die meisten Produkte entstehen aus einer digitalen Vorlage oder nicht? Sicherlich wird an verschiedensten Punkten derzeit daran gearbeitet. Stichworte: Langzeitarchivierung, urheberrechtliche Regelungen für die Nationalbibliothek, Standardisierung von Metadaten und Dateiformaten… Außerdem, wenn 90% der Bücher heute nicht mehr zugänglich sind und deshalb digitalisiert werden sollen, warum werden dann ständig Knüppel entwickelt – Verlängerung von Schutzfristen (bis in die dritte Generation bald), Einschränkungen, Digitalisate Online zur Verfügung zu stellen (Archivkopie) etc.? Das (Urheber)Recht in Deutschland und Europa ist für Digitale Bibliotheken eher ein Hindernis. Hier zerreibt sich der Staat punkto Gesetzgebung zwischen Forderungen von Verlagen und Urhebern und den gesetzlichen Rahmenbedingungen für digitale Bibliotheken.

    Sie schreiben Herr Ulmer, dass die Digitalisierung dieser historischen Bestände – über den Zeitpunkt von historisch muss man da auch noch mal genauer nachdenken – eine Staatsaufgabe sei und es ein Armutszeugnis der deutschen bzw. französischen Regierung ist, diese nicht zu bewältigen.

    Selbst wenn das 50 Mio. Euro kostet, das ist ein vollkommen lächerlicher Betrag. Für die Opel-Rettung will die Regierung dringend 4,5 Mrd. ausgeben, obwohl Opel gar nicht mehr gerettet werden will, GM also das Geld noch nicht mal will. Aber die Digitalisierung ist zu teuer.

    Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Vermutlich würde die Digitalisierung aber wesentlich teurer, rechnet man noch mit hinein, dass dafür rechtliche Rahmenbedingungen erst zu schaffen sind und dass dies sehr viel Lobbyarbeit und damit Zeit kostet.

    Das ist unsäglich peinlich. Und auch die Aussage, das könnte die Gesellschaft nicht stemmen, da sei man auf privatwirtschaftliche Initiativen angewiesen!

    Es bedarf dieser privatwirtschaftlichen Initiativen oder besser staatlich-privatwirtschaftlicher Kooperationen. Und wenn uns Google ein gelehrt hat bis jetzt, dass man mit dem richtigen Geschäftsmodell auch aus einem unrentablen Bereich wie der Digitalisierung historischer Buchbestände Geld machen kann und Geld ist der Motor, der Verlage und Menschen antreibt, Aufgaben zu erledigen.

    Das einzige, was wir in diesem Wahljahr zu dem Thema hören werden sind Ankündigungen für Kürzungen im Anschaffungsetat der Bibliotheken.

    Diesem Zitat möchte ich ein anderes hinzusetzen.

    Der Beschaffungsetat aller öffentlichen [Anm.d.Verf.] Bibliotheken in NRW entspricht dem Zuschussbedarf eines Stadttheaters einer Großstadt (Quelle: DerWesten)

    Das ist wirklich peinlich.

  • Dörte Böhner

    Wie verherrend sich das Urheberrecht auf die digitalen Angebote der Europeana auswirkt, kann man im Beitrag bei golem.de nachlesen.
    Urheberrecht behindert Ausbau von EU-Digitalbibliothek – 90 Prozent der Bücher der Nationalbibliotheken dürfen nicht ins Angebot

    Viviane Reding, EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien, hat es als beunruhigend bezeichnet, dass nur 5 Prozent aller digitalisierten Bücher in der EU in der Europeana verfügbar sind. Außer einem Mitgliedsstaat lägen alle anderen nach wie vor “weit hinter den Erwartungen zurück”, sagte sie über den Stand des Ausbaus der europäischen digitalen Bibliothek.