Zum Nachhören auf Inforadio am 6.12.09: Podiumsdiskussion "Ein Ort der Integration? Migranten und Bibliotheken – von Versäumnissen, Vorbehalten und Chancen" vom 12. November in der Philipp-Schaeffer-Bibliothek

Am 12.11. fand im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche „Deutschland liest. PodikumsdiskussionTreffpunkt Bibliothek“ eine Podiumsdiskussion in der Bezirkszentralbibliothek Philipp-Schaeffer in Berlin statt. Die Bibliothek zählt mit 13 anderen zur Citybibliothek Berlin, in der die Bibliotheken der Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg zusammengefasst sind.

Frau Hübner-Gepp, die Leiterin der Bibliothek am Luisenbad in Berlin-Wedding,  die bereits an der Veranstaltung  „Das Fremde in uns und wir im Fremden“ (vom 07.10.09) teilnahm und hierfür den Puttensaal ihres Hauses zur Verfügung stellte,  war als Podiumsgast dabei und vertrat vermutlich  Frau Reintjes.

Anbei ein Auszug aus dem Programm der Diskussion:

Ein Ort der Integration? Migranten und Bibliotheken – Von Versäumnissen, Vorbehalten und Chancen

Über die Integration von Zuwanderern wird vermehrt gesprochen. Fragen der Bildungschancen, der Gewaltprävention, der gesellschaftlichen Teilhabe überschneiden sich dabei. Starke Provokationen wechseln mit Forderungen nach einem eigenen Ministerium ab. Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche „Deutschland liest. Treffpunkt Bibliothek“ fragt Forum – Die Debatte im Inforadio zum Schwerpunktthema Migration nach den Möglichkeiten und Grenzen, die ein Informationsort wie die Bibliothek für die Verständigung zwischen der Zuwanderer- und der Mehrheitsgesellschaft hat.

Ist es ein Ort des persönlichen Austausches verschiedener Bevölkerungsgruppen? Werden migrantenspezifische Angebote gemacht? Werden sie von den Zielgruppen auch abgefragt? Was hemmt, was fördert die Nutzung? Und wie unterscheidet sich der Gebrauch von Medien in den verschiedenen Generationen und Geschlechtern? Kann eine Bibliothek zur Werkstatt werden, an dem man sich über die gesellschaftlichen Brüche verständigt?
Es diskutierten:

  • Günter Piening, Beauftragter des Berliner Senats für Integration und Migration
  • Birgit Lotz, Vorsitzende der Kommission für interkulturelle Bibliotheksarbeit des dbv
  • Ingrid Reintjes,  Sachgebietsleiterin Interkultur Stadtbibliothek Mitte
  • Dilsad Budak, Kulturpolitische Sprecherin und Mitglied im Bundesvorstand der Türkischen Gemeinde Deutschland

Moderation: Harald Asel, Inforadio (rbb)
Die Podiumsdiskussion wurde aufgezeichnet und wird am Sonntag, den 6. Dezember um
11:05 Uhr (Wdhl. 16:05 Uhr) im Programm von Inforadio (93,1 MHz) gesendet
.

Es ist stark davon auszugehen, dass die oben genannte Veranstaltung inhaltlich ähnlich wie „Das Fremde in uns und wir im Fremden“ gelagert war. Vor allem die Formulierung in der Ankündigung „Verständigung zwischen der Zuwanderer- und der Mehrheitsgesellschaft“  stört mich sehr, da ja die meisten, um die es in solchen Debatten geht,  schon in der zweiten, dritten oder gar vierten Generation  hier leben und hier geboren sind.  Zuwanderer im klassischen Sinne gibt es kaum mehr – zumindest bei den Bevölkerungsgruppen um die es in solchen Debatten geht.  Eine gezielte und gesteuerte Zuwanderungspolitik wie in Schweden gibt es in Deutschland nicht. Zudem sind Zuwanderer bekanntlich eine sehr heterogene Gruppe. Im Jahr 2007 sind insgesamt 680.766 Menschen nach Deutschland gezogen – wohingegen 637.000 Menschen Deutschland verließen. Fast 60 Prozent der ausländischen Einwanderer kommen aus der Europäischen Union – überhaupt stammt der größte Teil der in Deutschland lebenden Ausländer aus der EU. Der Zuzug von Spätaussiedlern lag dem Migrationsbericht 2007 zufolge bei 5.792.  Die Bezeichnung Zuwanderer bei solchen Veranstaltungen zu gebrauchen impliziert weiter, dass die Migranten, um die es doch meist in solchen Diskussionen geht,  in den Köpfen vieler Menschen bzw. in den Medien immer noch als Zuwanderer wahrgenommen werden. Hierzu sei ein Artikel aus „der Zeit“ aus dem Jahre 2006 empfohlen, der zwar ähnlich formuliert ist wie ein Teil des Veranstaltungstexts, indem die sogenannten „Ausländer“ als unbekannte Wesen vom anderen Stern beschrieben werden und die sprachliche Abgrenzung des Sie und Wir deutlich wird („in den Köpfen dieser Fremden“), ebenso verhält es sich mit den Begriffen Mehrheits- und Zuwanderungsgesellschaft. Bei der letzteren Bezeichnung gewinnt der Leser den Eindruck, es handele sich um zwei homogene Gesellschaften, wobei nicht klar ist wie lange Vertreter der „Zuwanderer“ warten müssen, um zur Mehrheit gehören zu dürfen bzw. wann die Mehrheit die Anderen als Teil ihrer eigenen Gesellschaft wahrnimmt und keine Abgrenzungen mehr vornimmt. Wird man erst mit dem Erwerb der Staatsbürgerschaft Teil der Mehrheitsgesellschaft oder ist der Migrationshintergrund immer ein Hindernis als Teil der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden? Ein Großteil der Bibliotheksklientel, um die es in der  Interkulturellen Bibliotheksarbeit  geht, sind Menschen mit Migrationshintergrund, die keinesfalls mehr Zuwanderer sind. Laut dem Zeit-Artikel (und vermutlich zahlreichen anderen Studien) finden sechs von zehn Deutschen, dass zu viele „Fremde“ im Lande leben. Außerdem sind nach einer Umfrage der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge Türken in Deutschland und Deutsche türkischer Herkunft sogar entschiedenere Anhänger der Demokratie als die Deutschen selbst. Was in solchen Diskussionen zu wenig zur Sprache kommt ist, dass nach dem Befund einer Untersuchung des „Sachverständigenrats für Zuwanderung und Integration“, die „Deutschen“ Nutznießer der Immigration sind. Sie profitieren, trotz der hohen Arbeitslosigkeit unter den „Ausländern“ und den damit verbundenen hohen staatlichen Ausgaben, mehr von deren Steuerzahlungen und Sozialversicherungsbeiträgen als jene umgekehrt vom Geld der Deutschen.

Der Zuzug von Zuwanderern wurde ferner durch das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene „neue“ Zuwanderungsgesetz begrenzt. Karen Schönwälder hat bereits 2004 angemerkt, dass es keinen Paradigmenwechsel in der Migrationspolitik gegeben hat, da es keine wirkliche Öffnung Deutschlands für Einwanderer gibt.  Es gibt die Option Familienmitglieder bzw. Ehepartner nachzuholen, wenn vorher ein Deutschkurs im Herkunftsland absolviert wurde. Unter dem folgenden Link berichtet eine Deutschlehrerin von ihren Erfahrungen in der Türkei. Sie richtet einen Appell an die Bundesregierung, die mehr Finanzierungsmöglichkeiten und ein günstigeres Kursangebot der Goethe-Institute in die Wege leiten könnte, da bei vielen die Teilnahme an den Kursen an der finanzielle Hürde scheitert.


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