Zukunft? Die bücherlose Bibliothek

Eine Bibliothek ohne Bücher kündigte im letzten Schuljahr die Cushing Academy in Massachusetts an. Neuste Computer mit hochauflösenden Monitoren sollen die Regale mit Büchern ersetzen und den Schülern der Spitzenprivatschule Recherche und Lektüre ermmöglichen. Schulleiter James Tracy will damit ein Modell für die Schule im 21. Jahrhundert entwickeln. Das Presseecho, das so eine Ankündigung schaffen sollte, blieb aus.

Eine Bibliothek ohne Bücher war vor zwanzig Jahren nicht denkbar und mit dem Internet im Rücken möchte man meinen, man kann auf eine Bibliothek mit Büchern jetzt verzichten.

Heute scheint die Nachricht fast überfällig. Ich bin in den vergangenen Jahre häufig in Bibliotheken gewesen und habe mehr Menschen auf Computerbildschirme starren als in Büchern blättern sehen. Die wichtigste Funktion von Bibliotheken scheint heute bereits nicht mehr darin zu bestehen, den Zugang zu Druckwerken, sondern den Zugang zum Internet zu ermöglichen.

Der Schulleiter will Bücher nicht verbannen, sondern will nur dem Beispiel namenhafter Universitäten wie Havard folgen. Zudem glaubt er:

“When I look at books, I see an outdated technology, like scrolls before books,’’ said James Tracy, headmaster of Cushing and chief promoter of the bookless campus.

Wie mag sich eine solche Meinung aber auf die Schüler auswirken, welche die Tragweite dieser Entscheidung noch gar nicht abschätzen können. Mit sechzehn Jahren kann man so eine Entwicklung von der lockeren Seite sehen, denn da verbindet man eine Bibliothek mit staubigen Büchern und das Lesen von Büchern gehört auch nicht unbedingt zur Lieblingsbeschäftigung von Jugendlichen.

Nun ja, ob die gleichen Zeichen als Druckerschwärze auf Papier stehen oder aus Pixeln auf einem Bildschirm ändert nichts daran, dass ein Wort ein Wort ist und es egal ist, ob der Text als Buch oder auf einem Kindle gelesen wird. Das Medium spielt erstmal keine Rolle, so lange die Inhalte gelesen werden, meint Tracy. Doch darin irrt er. Das Medium beeinflusst den Lesenden.

Wörter auf einem vernetzten Computer – ob einem PC, einem iPhone oder einem Kindle – zu lesen, ist ein ganz anderes Erlebnis, als dieselben Wörter in einem Buch zu lesen. Als Technologie betrachtet, bündelt ein Buch unsere Aufmerksamkeit, es schirmt uns von den unzähligen Ablenkungen ab, von denen unser Leben voll ist. Ein vernetzter Computer tut genau das Gegenteil. Er ist darauf ausgerichtet, unsere Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Er bietet keinen Schutz vor den Ablenkungen; vielmehr trägt er zu ihnen bei. Die Wörter auf einem Bildschirm existieren in einem Durcheinander konkurrierender Reize.

Die Wissenschaft mach deutlich, dass das menschliche Gehirn sich rasch an seine Umgebung anpasst und dies beginnt auf einer tiefen biologischen Ebene. Es betrifft die Art und Weise, wie sich die Neuronen der Nervenzellen miteinander verbinden. Die Technologien / Medien, die wir nutzen und die den Stoff zum Denken liefern, die uns helfen, die Informationen aufbewahren und weiterzugeben, prägen nicht nur die Art wie wir lesen, sondern auch die Art wie wir Denken. Diese Medien sind entscheidende Bestandteile unserer intellektuellen Umwelt. Das lässt sich nicht nur im Labor beweisen, sondern kann bereits mit einem flüchtigen Blick in die Geistesgeschichte festgestellt werden. Für den amerikanischen Schulleiter mag es egal sein, worin ein Schüler liest, aber für diesen ist es nicht bedeutungslos.

Hirnforscher machen deutlich, wie wichtig Bücher sind. “”Sorgen Sie für ein Haus voller Bücher!” fordert die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf und warnt vor den Gefahren des digitalen Lesens.

Bereits Anfang des Jahres habe ich über sich ändernde Lesegewohnheiten hier im Blog berichtet. Es gab im Anschluss eine gute Diskussion. Meine Beobachtungen decken sich dabei mit denen von Herrn Carr, dem Autor des diesem Text zugrundeliegenden FAZ-Beitrags. Auch Carr stellt fest, dass sich seine eigenen Lektüre- und Denkgewohnheiten dramatisch gewandelt haben, seit er das Internet nutzt.

Heute lese und recherchiere ich hauptsächlich online. Und dies hat mein Gehirn verändert. Zwar bin ich geübter darin geworden, durch die Stromschnellen des Netzes zu steuern, doch hat meine Fähigkeit, mich für längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, kontinuierlich nachgelassen. Nachdem die Tiefe unserer Überlegungen direkt mit dem Grad unserer Aufmerksamkeit zusammenhängt, fällt es schwer, den Schluss zu vermeiden, dass unser Denken seichter wird, während wir uns an die geistige Umwelt des Netzes anpassen.

Jeder ist anders und die Menschen entwickeln sich weiter. Sie werden lernen, mit dem Internet und dessen Herausforderungen auf viele verschiedene Arten umzugehen. Für einige wird das Internet mit seiner geschäftigen Interaktivität ideal sein, um kreativ und schnell, neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Für viele bedeutet es aber auch darin “eine katastrophale Erosion der Fähigkeit von Menschen sehen, sich ruhigerer, meditativerer Denkweisen zu befleißigen.” Momentan wird es wohl ein Schwanken zwischen Extremen sein, einerseits Freude über die Reichtümer im Netz, andererseit aber auch Besorgnis über die langfristigen Auswirkungen auf die Tiefe der individuellen intellektuellen und der kollektiven Kultur zeigen. Die Jugendlichen der Cushing Academy werden in eine Welt der Technikgläubigkeit versetzt, die besagt, dass Technik immer besser ist als Althergebrachtes.

“Bücher im Haushalt haben Einfluss auf Ausbildungslaufbahn des Kindes” besagt eine Studie (doi:10.1016/j.rssm.2010.01.002) von Professor Mariah Evans und ihren amerikanischen und australischen Kollegen, deren Thesen auf den repräsentativen Daten aus 27 Ländern mit etwa 70.000 Haushalten basieren. Die Forscher selbst wurden dabei von der großen Bedeutung der Bücher überrascht. Und dies will man nun über Bord werfen?

Liest man den Artikel im Boston Global, so erkennt man, dass nicht alle die Technikgläubigkeit von Mr. Tracy teilen. Besorgnis gibt es beispielsweise, wenn es um den Zugang von Informationen geht:

Many of the books on electronic readers and the Internet aren’t free and it may become more difficult for students to happen on books with the serendipity made possible by physical browsing. There’s also the question of the durability of electronic readers.

Ist es aber damit getan zu sagen:

“It’s a little strange,’’ […] “But this is the future.’’

Quelle:
Carr, Nicholas: Tiefen und Untiefen, FAZ.net
Abel, David: Welcome to the library. Say goodbye to the books., The Boston Globe, 04.09.2009

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