[Leseempfehlung] Wir müssen uns mal wieder vom Buch verabschieden…

…, diesesmal aber eher vom E-Book. Dies prophezeien Umberto Eco und Jean-Claude Carrière in ihrem neuen Buch „Die große Zukunft des Buches“, erschienen im C. Hanser Verlag, München 2010 für 19,90 Euro. Der Philosoph und der Drehbuchautor glauben, dass das E-Book die gedruckten Bücher nicht ersetzen können als dauerhafter Wissens- und Erkenntnisspeicher? Sind die so gespeicherten Daten zu flüchtig?

Immer mehr Bücher stehen digital zur Verfügung. Ein dramatischer Preiskampf zeigt, dass so langsam der Zukunftsmarkt heiß umkämpft wird. Gerade Fachbücher aber auch zunehmend Belletristik wird auf entsprechenden Lesegeräten oder am PC gelesen. Ist das ein Zeichen dafür, dass das gebundene Buch durchs E-Book verdrängt werden? Carrière prophezeite sogar beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2008 ein Verschwinden der Bücher, wie wir sie kennen, innerhalb der folgenden fünfzehn Jahre.

In ihrem gemeinsamen Buch haben sich der italienische Medienwissenschaftler, Schriftsteller und Philosoph und der französiche Drehbuchautor – beide fast achtzigjährige Buchliebhaber und -sammler (40.000 – 50.000 Bände in ihren Privatbibliotheken) – Gedanken über die Geschichte des Buches, seine Zukunft und ihre Bedeutung für den Zustand unserer Kultur gemacht. Sie sind sich einig, dass das Buch noch eine große Zukunft vor sich hat.

Der französische Journalist Jean-Philippe de Tonnac animierte sie mit seinen Fragen, sich voller Esprit über das Buch als eine Art „Rad des Wissens und des Imaginären“ zu unterhalten, welches trotz technologischer Veränderungen in seiner Funktion nicht zu übertreffen sei. Teil des Gespräches war auch die persönliche Beziehung zu ihren Büchern, der damit verbundenen Sammelleidenschaft, ihren Lektürevorlieben und den Zukunftspläne für ihre Bibliotheken, wenn sie sterben.

Mit dem Buch verbunden ist auch der Akt des Lesens und des Vergessens, welches mit autobiografischen Erzählungen und Anekdoten durchsetzt ist und wobei sich beide nicht immer ernstnehmen. Auch sprechen sie interessant über die Veränderungen, welche das Gedächtnis durch die Verbreitung des Computers durchmache, wobei das Filtern zur Hauptaufgabe wird.

Auf den prognostizierten Siegeszug des E-Books reagieren die beiden älteren Herren gelassen – für sie ist es ein weiteres modernes Speichermedium, bald veraltet wie Floppy Disc, VHS-Kassette oder CD-ROM, also nichts von Dauer. Gedruckte Bücher sind ihnen immer noch die dauerhaftesten Wissens- und Erkenntnisspeicher, etwas Besseres ließe sich nicht erfinden.

Für Technikpessmisten gibt es ein beruhigend unaufgeregtes Zukunftsversprechen was die Kultur angeht, die durchs Buch geschaffen und transportiert wird. Für Technikjünger gibt es in dem Buch sicher genug Argumentationsstoff, der durchdacht werden sollte und mit Gegenargumenten versehen werden kann. Also, das ist eine Leseempfehlung der ich gern folgen werde.

Quelle:
Hueck, Carsten: Humorvoll, selbstironisch und erkenntnisreich, Buchbesprechung auf Deutschlandradio.de


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2 Kommentare

  • Ich fand die Lektüre auch sehr unterhaltsam, allerdings hätte es nicht unbedingt ein teures Hardcover sein müssen. Entgegen dem Titel geht es weniger um die Zukunft des Buches – die nur angerissen wird – sondern darum was Bücher ausmacht und um allerlei Anekdoten aus der Geschichte des Buches. ich hätte mir nur eine Bibliographie der erwähnten Bücher und Autoren gewünscht. Das Buch regt jedenfalls zum Nachdenken an.

    • Dörte Böhner

      Hallo Jakob,
      das Buch hat meiner Meinung nach auch insofern wenig von seiner Ankündigung und Bewerbung gehalten, als dass man bessere und vor allem neuere Argumente erwartet hätte. Das war leider nicht der Fall. So war es eher ein unterhaltsames, teils sehr springendes Gespräch von zwei alten Experten, denen man Gehör schenken, aber nichts unhinterfragt übernehmen sollte. Ich kann mich daher deiner Einschätzung anschließen. Jedoch wäre es vermutlich aufgrund des Gesprächscharakter etwas schwer geworden, alle erwähnten Bücher und Bezüge nachzurecherchieren und in eine Bibliographie zu stecken. Vielleicht kann man dies für eine spätere Ausgabe für ein Fachpublikum noch tun. Hier ging es wohl eher um eine schnelle Veröffentlichung, die vor allem durch den Namen Umberto Eco und den reißerischen Titel Leser gewinnen wollte. Trotzdem ist das Buch lesenswert, wenn vielleicht auch eher als Bibliotheksexemplar. 🙂