Ein Nachtrag: Anmerkungen zum Gedichteregen über Berlin Ende August 2010

A cloud of words in the air does not change the history of a city, but it adds a new sense. Just as wartime bombings were intended to „break the morale“ of the inhabitants of a city, so the poetry bombing „builds“ a new city by giving new meaning to events of her tragic past and therefore presenting the city in a whole new original way.“

So lautet die Idee des „Bombing of Poems“ der Künstlergruppe Cassagrande aus Chile. Diese wurde kürzlich in Form einer spektakulären Performance von herabregnenden Gedichten über dem Lustgarten Berlins im Rahmen der „Langen Nacht der Museen“  umgesetzt. Insgesamt wurden 100.000 auf Lesezeichen gedruckte Gedichte von einem Helikopter aus „abgeworfen“ („Bombing of Poems„). Cassagrande arbeitete hierbei unter anderem mit der Berliner Literaturwerkstatt und Lyrikline.org zusammen. Der „Regen der Gedichte“ über Berlin war die fünfte Etappe eines größeren Projekts, das im März 2001 in La Moneda (Santiago de Chile) begann und sich in Dubrovnik (Kroatien), Gernika (Baskenland in Spanien) und in Warschau (Polen) fortsetzte. All diese Orte haben eines gemein. Sie waren in Kriegszeiten Ziel schwerer Luftangriffe.  Die Gedichte wurden in zwei Sprachen gedruckt und stammen sowohl von chilenischen als auch von deutschen Dichtern. Von folgenden in Deutschland lebenden Poeten wurden Gedichte verteilt: Ann Cotten, Karin Fellner, Nora Gomringer, Andrea Heuser, Orsolya Kalász, Björn Kuhligk, Marion Poschmann, Arne Rautenberg, Monika Rinck, Hendrik Rost, Ulrike Almut Sandig, Tom Schulz, Thien Tran, Anja Utler, Jan Wagner, Abas Khider, Ron Winkler and Uljana Wolf. Chilenische Dichter, deren Poesie ebenso „abgeworfen“ wurden, finden sich auf der Webseite des Spanischen Kulturinstituts. Noch mehr Infos hierzu gibt es auf: www.loscasagrande.orgDerartige Aktionen wie in Berlin bleiben hoffentlich keiner Eintagsfliegen. Europa wäre für derartige Bombardements hervorragend geeignet,  da es noch genügend andere Städte gibt, die historisch betrachtet unter den Traumata ihrer Bomben leiden. „Bombing Poems“ hätte vermutlich eine befreiende Wirkung, welche Auswirkungen im Sinne von T.S. Eliot hätte: „Genuine poetry can communicate before it is understood“. „Bombing of Poems“ wäre eine Kunstform, mit der es vielen Menschen wohl leichter fallen würde sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Meiner Erachtens kurbeln solche Aktionen den Dialog in der Bevölkerung an, solange es Orte sind, die nicht allzu sehr den materiellen Konsum in den Vordergrund rücken. Laut Hülstrunk ist der Zweck von Poesie sich den Zwängen einer zweckgerichteten Welt zu entziehen, Freiheit des „Denkens“ zu gewährleisten und den Geist „freizusetzen“. Sie ermöglicht die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen. Für ihn ist das politischste an der Poesie sich dem Markt zu entziehen und sich nicht von Ideologien und Banken zu vereinnahmen. „The New Yorker“ veröffentlichte rückblickend zur Aktion („poetry-rain“) in Berlin einen Artikel von Deirdre Foley-Mendelssohn, wo am Ende der Vorschlag gemacht wurde Literatur im Allgemeinen wieder sichtbarer zu machen, um deren Stellenwert für die Bevölkerung zu heben. Er liest sich ein wenig wie Appell an Bibliotheken:

As libraries in the U.S. close for lack of funding, and as the most seemingly resilient bookstores—Barnes & Noble! Borders!—shutter their doors, perhaps we should think about airlifting some good old literature to allies stuck behind unintentionally-erected book blockades.“


Ähnliche Beiträge