Wie Bibliotheken sich verändern, um auch im digitalen Zeitalter relevant zu bleiben

Die Situation der Bibliotheken hat sich erheblich geändert. Heute müssen die Nutzer nicht mehr in die Bibliothek zu kommen, um Bücher auszuleihen, sondern sie sitzen bequem Zuhause, entleihen ein Buch online und lesen es auf ihrem E-Book-Reader, am Computer oder auf dem iPhone.

Im Artikel der Los Angelos Times wird über Kathy DeGrego berichtet, die schon mit ihrem T-Shirt zeigt, dass sie keine Bibliothekarin der alten Schule ist, denn dort steht: “Shhh is a four-letter word”. Der Geist einer Herausforderung hat die Veränderung der Bibliotheken des vorstädtischen Denvers geleitet, wo DeGrego arbeitet. Auskunftsschalter und Einzelarbeitsplätze wurden durch Räume ersetz, wo Kinder Guitar Hero spielen können. Es gibt keine Mahngebühren mehr und das komplizierte Dewey Decimal System wurde durch Themenbereiche ersetzt, ähnlich wie sie im Buchhandel zu finden sind.

Wenn Menschen ein Computer bekommen, glauben sie nicht mehr auf die Bibliothek angewiesen zu sein, vermutet Pam Sadlian-Smit, Direktorin des Rangeview Library District mit sieben Filialen. Sie sieht die Bibliotheken in der Pflicht, zu überdenken und zu gestalten, was Bibliotheken für ihre Gemeinschaft bedeuten kann und soll.

Im Kampf, relevant und geöffnet zu bleiben, haben sich die Bibliotheken auf eine Art und Weise neu erfunden, die vor wenigen Jahren undenkbar war. Sie bereiten sich auf eine Zeit vor, in der die meisen Informationen von einem elektrischen Endgerät aus ausgeliehen und genutzt werden können. Universitäts- und öffentliche Bibliotheken laden riesige Mengen Material ins Web, so dass ihre Kunden z.B. genealogische Aufnahmen, historische Karten oder seltene Texte nutzen können, ohne ihr Zuhause zu verlassen.

Viele öffentliche Bibliotheken entwickeln sich zu “digital acitivity centers”, wo neben Büchern die Besucher auch Räume mit Computerspielen, Computerpools oder Internetcafes finden. Auch die Zahl der DVD-Sammlungen ist gewachsen wie die Zahl der HD-Fernsehgeräte. Einige traditionelle Bibliothekare befürchen, dass diese Experimente nicht helfen, Bibliotheken zugänglicher und interessanter zu machen, sondern nur das Niveau verschlechtern.

“If you want to have game rooms and pingpong tables and God knows what — poker parties — fine, do it, but don’t pretend it has anything to do with libraries,” said Michael Gorman, a former president of the American Library Assn. “The argument that all these young people would turn up to play video games and think, ‘Oh by the way, I must borrow that book by Dostoyevsky’ — it seems ludicrous to me.”

Andere argumentieren, dass die Neuerfindung wichtig in einem Zeitalter ist, wo Google die Bibliotheksauskunft fast überflüssig gemacht hat und gedruckte Bücher eher wie antike Sammlungen wirken. Die Zahl der ausgeliehen Bücher von Public Librarys sank zwischen 1997 und 2007 um fast 6 Prozent. Ausleihen der New York Public Library sank im letzen Abrechnungsjahr um 1 Million Bände.

In der 540.000 Quadratmeter großen Zentralbibliothek in der Innenstadt von Los Angeles – die größte öffentliche wissenschaftliche Bibliothek westlich des Mississippi – sind nur wenige Besucher in den wichtigsten Abeilungen, in denen fast 2 Millionen Bücher aufbewahrt werden. An den hölzernen Lesetischen sitzen nur eine handvoll Leute beim Zeitungslesen. Aber am unteren Ende der Rolltreppe ist es ganz anders. An den 70 Computern sitzen die Bibliotheksnutzer und lesen Nachrichten, sehen sich YouTube-Videos an und suchen online nach Jobs.

Im Abrechnungsjahr 2009 wurden fast 102.000 E-Books ausgeliehen, doppelt so viele wie im Vorjahr und es ist zu erwarten, dass die Ausleihzahlen sich dieses Jahr nochmals fast verdoppeln. Die Leihfrist ist wie bei normalen Büchern und die Dateien der E-Books werden nach Ablauf der Leihfrist automatisch unbrauchbar. Die E-Booksammlungen in den US-Bibliotheken sind zwischen 2005 und 2008 um fast 60 Prozent gewachsen, während im gleichen Zeitraum die P-Buchsammlungen sich um weniger als ein Prozent vergrößerten, obwohl Printerzeugnisse noch immer 98 Prozent des amerikanischen Bibliotheksbestandes ausmachen.

Joan Frye Williams, Beraterin von Bibliotheken und Futuristin glaubt, dass der Gedanke, der allen Bibliotheken zugrunde liegt, sich nicht ändern wird, auch wenn die Buchregale verschwinden sollten.

“Saying that there’s a challenge to libraries because books are changing would be like saying there’s a challenge to family dinner because plates are changing,” she said.

Die digitale Technik erlaubt es Bibliotheken große Teile ihrer Kollektionen zu digitalisieren und virtuelle Bibliotheken zu schaffen, die von jedem Computer aus besucht werden können. Bibliotheken sind führend bei den Bemühungen, seltene, einzigartige und empfindliche Materialien, mittelalterliche Handschriften und alte Telefonbücher zu digitalisieren – was immer sie in ihrem Bestand haben.

Bibliotheken zögern, wenn es darum geht, aktuelle Bestseller und Bücher zu digitalisieren, die vom Copyright geschützt sind – was alle Materialien betrifft, die nach 1923 veröffentlicht wurden. Aber es gibt einen großen Schatz an Klassikern, Regierungsdokumenten, historischen Papieren und anderen Materialien, die nicht vom Copyright geschützt werden, so dass keine Gefahr von Schadensersatzansprüchen besteht. Viele dieser Bücher und Dokumente können liegen inzwischen digitl vor und können gesucht, gelesen und kostenlos heruntergeladen werden.

Es ist ein phänomenales Wachstum, wie Paul LeClerc, Präsident und Chief Executive der New York Public Library, feststellt. Die Bibliothek hat ein Online-Repository mit mehr als 700.000 digitalen Dokumenten, inklusive frühen amerikanischen Karten, Photographien, Büchern und historischen Dokumenten, welches monatlich von Besuchern aus mehr als 230 Ländern besucht wird. Dadurch werden die Sammlungen befreit von den lokalen Grenzen, was früher undenkbar war.

Auch kleine Bibliotheken mit einzigartigen Sammlungen digitalisieren diese, wie z.B. das Conjuring Arts Research Center, welches 12.000 Zauberbücher des 15. Jahrhunderts digitalisierte. Dort hat man das verrückte Ziel, alles aus dem magischen Themenbereich zu digitalisieren.

Die universelle, digitale Bibliothek, wo Nutzer jedes Buch, jeden Film oder jedes Musikalbum nutzen können, ist noch weit weg. Es gibt genug Hürden, z.B. ein Problem ist die Finanzierung. So können viele digitale Bibliotheken gar nicht alles digitalisieren und das benötigte Equipment anschaffen, einschließlich der E-Reader, die dann an die Nutzer verliehen werden können.

Die Angst vor Piraterie hat sogar das Angebot populärer neuer Titel eingeschränkt: Keiner der Bestseller wie z.B. die Harry Potter-Bücher sind digital vorhanden. Verlager und einige Autoren befürchten, sind die Bücher erst einmal online, können sie auch ohne Erlaubnis kopiert und verteilt werden. In anderen Fällen, wie z.B. beim neuen Jonathan Franzen Bestseller “Freedom gibt es für den Endverbraucher ein E-Book, aber die Verlage stellen keine Version für Bibliotheken zur Verfügung. Warum, das ist nicht klar.

Bibliotheken haben digitale Sammlungen mit elektronischen Versionen von gemeinfreien Büchern, grauer Literatur oder weniger erfolgreichen Büchern, Ratgebern, Gebrauchsanweisungen und anderer Nonfiction-Titel. Bei Bestsellern sind die digitalen Regale häufig leer.

Bibliotheken sind vorsichtig, weil sie Angst vor Klagen haben, so Copyright-Professor Peter Jaszi, der an der American University des Washington College of Law. Bis vor kurzem war diese Furcht rein hypothetisch, nichts, worum sich Bibliotheken hätten Sorgen machen mussten, denn schließlich waren sie die besten Abnehmer der Verlage. 2008 änderte sich das jedoch, als eine Gruppe Verlege inclusive der Cambridge University Press, Verantwortliche der Georgia State University für das Erstellen digitaler Kopien von Unterrichtsmaterialien verklagte, welche oft von geschützten Materialien erstellt und Studierenden zugänglich gemacht wurden. Der Fall wartet uf seine Beurteilung im Federal Court. Rechtliche Unsicherheiten haben dher viele Bibliotheken davon habgehalten, digitale Kopien von gedruckten Werken, die sie besitzen, herzustellen und zu verleihen.

Ein paar Firmen, wie z.B. OverDrive Inc., bieten einen Service n, bei dem Bibliotheken digitale Kopien einiger Bücher erwerben können. Deren Nutzer können diese dann auf ihren PC herunterladen und sie haben drei Wochen Zeit, die Bücher zu lesen, bevor sie sich selbst zerstören. Danach kann der nächste Bibliotheksnutzer auf das Buch zugreifen. Dies ist wie bei uns das Angebot der Onleihe. Auch OverDrive hat nur eine beschränkte Auswahl, zumal E-Books häufig kopiergeschützt sind und in einem proprietären Format angeboten werden, die oft nur auf einem bestimmten E-Reader gelesen werden können.

Bibliotheken bemühen sich, sich an das Copyright zu halten, aber Google tut dies nicht. Seit 2004 hat der Gigant mehr als 10 Millionen Bücher aus dutzenden Bibliotheken rund um die Welt gescannt. Viele dieser Bücher stehen noch unter dem Schutz des Copyright, dennoch ist Google in der Lage sie mit anderen zu teilen, inklusive mit Bibliotheken. Verleger und Autoren wiesen verklagten 2005 Google wegen der Herstellung unerlaubter Kopien.

But after three years of litigation, the two sides crafted a settlement that would allow publishers to sell books through Google and give libraries and users instant access to huge numbers of books that have long been out of print but are still legally protected.

Das Vergleichsangebot wurde durch viele Autoren, Rechtsgelehrte und Verkäufern abgelehnt, weil sie fürchten, dass Google dadurch ein Monopol auf dem Digitalisierungsmarkt für Bücher erhält. Momentan ist der Vergleich noch nicht rechtskräftig und wird noch immer durch ein New Yorker Gericht geprüft.

Einige der bibliothekarischen Gemeinschaft befürchten, dass Bibliotheken durch die gleiche Technologie bedroht wird, die Videoverleiher, Musik- und Buchläaden bedrohen, deren Ware nun aus dem Netz geladen werden kann in einem Bruchteil der Zeit, die es braucht, drei Blocks weit zu fahren und einen Parkplatz zu finden. Gerade Public Liberarys reagieren darauf, in dem sie mehr zu Gemeinschaftszentren werden.

In Rangeview in Colorado kultivieren die Besucher den Bibliotheksgarten, lernen in Gruppen, wie man Facebook nutzt oder besuchen Rockkonzerte unter dem Thema Harry Potter im Bibliotheksfoyer. Kinder erledigen hier ihre Hausaufgaben am PC und surfen nebenbei bei Facebook und YouTube. In Charlotte, N.C. wird eine Bibliotheksabteilung gebaut, wo Jugendliche Blue-Scree-Fi.me, Stop-Motion-Animationen und Rap-Songs aufnehmen können.

Jenen, die ihre Kindheit mit der “Schatzinsel” und “Ramona” in einer ruhigen Ecke zwischen den Regalen verbracht haben, kann der Gedanke, dass Bibliotheken bunte und lustige Workshops anbieten widerstreben, aber Verfechter sind der Meinung, dass Bibliotheken damit Möglichkeiten an die Hand bekommen, jungen Menschen Geschichte und Literatur in einem vertrauten Medium näher zu bringen.

“That’s how a culture reproduces itself,” said Anne Balsamo, a professor of interactive media at USC. “It doesn’t just make things up willy-nilly, but it also takes time to look back and discover the ways things were done in the past. So yes to rap music and yes to turn-of-the-century poetry.”

Quelle:
Sarno, David: Libraries reinvent themselves as they struggle to remain relevant in the digital age, Los Angelos Times

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