Bibliotheken in Sachsen-Anhalt benötigen eine bessere Internetpräsenz

Thomas Leimbach, Präsident des Landesverwaltungsamtes, sieht die Bibliotheken vor einem schwierigen Anpassungprozess. Er erachtet es als notwendig, dass in den nächsten 10 – 15 Jahren die Bibliotheken ihr “bislang traditionell verhaftetes Erscheinungsbild erheblich wandeln” müssen. Aus seiner Sicht zu erwarten seien daher eine weitere Konzentration der Einrichtungen, bei der finanzielle, räumliche und technische Ressourcen zu bündeln seien. Nur auf diese Weise könne die Qualität der Bibliotheken gehalten und ihre Akzeptanz bei den Lesern gesteigert werden. Notwendig sei es, dass sie sich mehr und mehr an die Lebenswelt ihrer Nutzer anpassen und sich dabei zu modernen Dienstleistern entwickeln.

Ein wichtiger Punkt sei dabei, dass sie online noch sichtbarer würden. Inzwischen seiden die Menschen an die Informationsbeschaffung über das Internet gewöhnt, an die Vorteile wie eine 24-Stunden-Verfügbarkeit. Dies sollte durch Downloadmöglichkeiten von Medien erreicht werden. Aktuelle Zielsetzung für dieses Jahr sei es, bis zum Jahresende 2011 etwa 20 000 Zeitschriften, Fachbücher, Musikalien, Filme und Belletristik Bibliotheksnutzern zur Verfügung zu stellen. Ein weiteres wichtiges Kriterium aus Leimbachs Sicht sind auch die Öffnungszeiten, die sich noch stärker an den Bedürfnissen der Nutzer orientieren müssten, damit es weiterhin heißt: «Bibliotheken sind Kulturdienstleister ersten Ranges.»

Derzeit wird in Sachsen-Anhalt in 265 von 379 Gemeinden eine öffentliche Bibliothek unterhalten (laut Landesverwaltungsamt). Neben 84 hauptamtlich geleiteten Einrichtungen stehen 181 nebenamtlich betreute öffentliche Bibliotheken den Sachsen-Anhaltinern zur Verfügung. Das Land unterstützt diese Bibliotheken 2011 mit rund 380 000 Euro beim Kauf von Medien, dem Aufbau von Bibliotheksverbünden und Netzwerken zur Leseförderung.

Die Linken reagierten daraufhin kritisch und sprachen Leimbach jegliche Sachkenntnis ab, hätten die Bibliotheken sich doch in den vergangenen Jahren deutlich modernisiert. Dies zeige sich auch in den gestiegenen Nutzungszahlen, wie Stefan Gebhardt, Kulturpolitischer Sprecher, verdeutlichte. Er hob hervor, dass der Landtag von Sachsen-Anhalt mit der Verabschiedung eines Bibliotheksgesetzes im Jahr 2010 diese Leistungen der Einrichtungen gewürdigt und diese im Gesetz als unverzichtbare Bildungseinrichtungen definiert hätte.

Es wäre allerdings falsch, diesen Modernisierungsprozess als ausreichend betrachten. Leimbach hat in keinster Weise die Leistungen der Bibliotheken geschmälert, sondern darauf hingewiesen, dass weitere Anstrengungen notwendig sind.

“Erwähnenswert ist außerdem, dass der Bibliotheksverbund Mansfelder Land, also die Bibliotheken im Direktwahlkreis von Herrn Leimbach, im Jahr 2008 mit dem Innovationspreis für neuartige Bibliotheksstrukturen ausgezeichnet wurden. Wenn Herr Leimbach nun den Bibliotheken ein „traditionell verhaftetes Erscheinungsbild“ attestiert, zeugt dies schlicht von Unkenntnis seinerseits.”

Und wenn Gebhardt glaubt, eine Schwalbe mache bereits den Sommer aus, dann irrt er sich. Die Aussage Leimbachs zeugt ganz und gar nicht von Unkenntnis, sondern meiner Meinung nach eher von Kenntnis über die Zustände in vielen kleinen, nichtstädtischen öffentlichen Bibliotheken, die zum Teil die letzten Kultureinrichtungen in kleinen Gemeinden sind, deren Nutzung nicht ständig Geld kostet.

Leimbach äußerte sich zu den von Gebhardt genannten Angaben deutlich. So kann er belegen, dass die Nutzungszahlen in den letzten Jahren gesunken und nicht gestiegen sind. Die Bibliotheksdichte sei vergleichbar mit der in der gesamten Bundesrepublik, aber seit 2004 bis 2009 ist die Zahl der Bibliotheksbesucher von 2,8 auf 2,2 Millionen gesunken, was einen Rückgang von rund 22 % bedeute.

Dem Landesverwaltungsamtschef konnte schlichtweg nicht entgehen, dass sich die öffentlichen Bibliotheken in einem Modernisierungsprozess befinden, da er diesen mit der im Amt angesiedelten Fachstelle für öffentliche Bibliotheken wesentlich mit beeinflusste. Dabei handele es sich um “einen Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist, die Orientierung an der Lebenswirklichkeit potentieller Bibliotheksnutzer ist dabei unerlässlich, wenn man sich den großen Herausforderungen der Realität stellen will”, betont Leimbach.

„Und die Realität heißt eben neben der klassischen Ausleihmöglichkeit weiteren Service durch online – Angebote und – Ausleihen zu bieten. Das Buch als klassisches Medium einer Bibliothek wird weiterhin Hauptbestandteil und Kerngeschäft bleiben, dennoch müssen mehr flanierende Angebote die Bibliotheken attraktiver machen und Lust an Genuss von Kultur – in welcher Form auch immer – steigern.“, so Leimbach weiter.

Auch auf das positive Beispiel Gebhardts ging er ein, das er unbenommen als solches Beispiel bezeichnen könne, dennoch sei es auch an dieser Stelle notwendig, Weiterentwicklungen voranzutreiben, da man sonst den Einrichtungen einen “Bärendienst” erwiese.

Lustig ist, wenn von Faktenkenntnis ungetrübt und nur zurückschauend die Opposition Kritik übt, die sich im Nachhinein in keinster Weise konstruktiv für die betroffenenen Einrichtungen erweist.

Quellen:
Bibliotheken sollen ins Internet, Mitteldeutsche Zeitung, 02.01.2011
Bibliotheken: Kritik an Leimbach, HalleForum.de, 04.01.2011
Bibliotheken: Leimbach weist Kritik zurück, HalleForum.de, 05.01.2011

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7 Kommentare

  • CH

    Besuche, nicht Besucher: “seit 2004 bis 2009 ist die Zahl der Bibliotheksbesucher von 2,8 auf 2,2 Millionen gesunken”.

    Einen Nutzungswandel hin zu mehr Online-Angeboten propagieren, aber mit Besucherzahlen zu argumentieren, finde ich jedoch ein wenig schräg. Und die zahlreichen Schließungen von Stadtteilbibliotheken, also den Rückzug aus dem Lokalen, sollte man auch auf keinen Fall außer Acht lassen. Die von Leimbach geforderte räumliche Konzentration kann daher m.E. genauso gut für die DBS, der die Besucherzahlen wohl entnommen sind, nach hinten losgehen. Enorm wichtig für eine Stadtbibliothek ist nämlich: ihre Erreichbarkeit.

    Dass sich Bibliotheken stets modernisieren sollten, bleibt davon natürlich unbenommen.

    • Dörte Böhner

      Hallo Christian,

      Besuchszahlen sind messbare Größen, anhand derer nur zu gerne der Wert einer Einrichtung bemessen wird, wenn man es anders nicht kann. Und die Konzentration von Bibliotheken wird wohl nicht nur Stadtteilbibliotheken betreffen, sondern sicherlich auf viele “Dorfbibliotheken”. Diese werden durch einen Bücherbus ersetzt werden, der zu Zeiten in die Dörfer fährt, wo vermutlich nur die zahlreichen Rentner in Sachsen-Anhalts Dörfern Zeit finden, dieses Angebot zu nutzen (, sofern für eine Barrierefreiheit gesorgt ist, d.h. der Bus Rollartor-tauglich ist. Kleine Ironie am Rande.) Wenn dann die Ausleihzahlen und die gefahrenen Kilometer nicht Effektivität vorheucheln können, wird so ein Bus auch schnell Geschichte sein. Das nennt man dann Kaputtsparen und bedeutet einen kräftigen Schuss ins eigene Knie.

      Beide Hauptakteure in dieser Diskussion denken an einigen Stellen zu kurz. Gerade Dorfbibliotheken sind häufig die letzte kulturelle Einrichtung und Treffpunkt für die ans Dorf “gefesselte” Bevölkerung, die nicht schnell mit Bus, Bahn und Auto mal in die große Stadt kann, um Kultur und Austausch zu tanken. Billiger geht es dann häufig gar nicht, etwas Kultur im Ort zu halten. Aber hier ist es auch besonders schwierig, nicht in der alten Zeit zu verharren, damit auch das junge Publikum die Bibliothek attraktiv finden kann. Man wird sehen, welche Entwicklungen sich da in meiner alten Heimat zeigen werden und man kann nur hoffen, dass sich genug BibliothekarInnen und MitbürgerInnen finden, aktiv ihre Bedürfnisse, Hoffnungen und Wünsche einzufordern.

  • Eine besonders unrühmliche Rolle hat in diesem Zusammenhang der dbv Landesverband Sachsen-Anhalt gespielt. Ihm wurden im Juli 2008 Euro 460.000 anvertraut für die Qualitätsentwicklung der Bibliotheken, darunter auch und insbesondere deren Internetpräsenz. Dafür wurde ein eigener Club gegründet: http://www.qualitaet-bibliotheken.de/texte/seite.php?id=10098
    Und die Ergebnisse? Die lassen auf sich warten und der Förderzeitraum läuft aus. Eine große Chance für die Bibliotheken wurde wohl vertan.

    Nur am Rande: Was sind eigentlich “flanierende” Angebote?

    • Dörte Böhner

      Hallo Susanne,
      viel Geld für ein recht “unsichtbares” Projekt, wenn man bedenkt, dass im letzten Jahr 281 Bibliotheken vom Land gerade mal mit 380.000 Euro unterstützt wurden. Wo sind die kleinen Bibliotheken? Wo tatsächliche Hilfestellungen für ehrenamtlich betriebene? Wo sind die Zwischenberichte dessen, was erreicht wurde? Wo sind aktuelle Weiterbildungstermine? Die Liste ließe sich verlängern und traurig dabei wird wohl auch sein, dass sich hier niemand zu diesen offenen Fragen seitens der Verantwortlichen äußern wird. Chance vertan. Also lässt sich wohl ein neues Projekt in diese Richtung, aus europäischen Fördertöpfen finanziert, gestalten…

      Was die “flanierenden” Angebote angeht, hab ich es als flankierende Angebote verstanden, welche zum Nutzen der Bibliothek einladen sollen. Vielleicht wäre es aber wichtig, bevor man an dieser Stelle mit einer “Anpassung an die Lebenswelten” ihrer Nutzer beginnt, herauszufinden, welche Bedürfnisse diese Nutzer haben. Erreicht man so die Nichtnutzer? Blinde Vermutungen, was von den Nutzern gewünscht sein könnte, gäbe es genug. Wäre vielleicht ein sinnvolleres Projekt, als eine Qualitätsentwicklung der Bibliotheken.

  • Oh, das ist ein Mißverständnis. Auch die dbv Vorsitzende von Sachsen-Anhalt wollte die Bibliotheken ins Internet bringen – zum Beispiel mit einem Internet-OPAC. Es mangelte ihr aber an Grundkenntnissen bereits bei diesem Thema. Ein Fall fürs Schwarzbuch “Verschwendung von öffentlichen Mitteln” – wenn nicht mehr. Aber das interessiert ja wohl niemand. Gilt hier etwa auch das “eine Krähe” Prinzip? Aber auf dem armen Präsidenten rumhacken, der einfordert, dass das geschieht, was der dbv S-A seit Jahren fordert und aus eigener Kraft verhindert?

  • CH

    @Susanne Drauz: Manche Krähen sind hackwilliger als andere. Das Beispiel mit den 460k Euro war mir nicht bekannt. Das Problem liegt vielleicht eher darin, dass aus den Hintergründen der ÖB-Politik kaum etwas bekannt wird. Zumindest nicht mir. Die wenigen ÖB-Blogs, die es gibt, sind eher Informationsangebote. Kritische Blogs sind mir kaum bekannt. Wie es in speziellen ÖB-Mailinglisten aussieht, weiß ich nicht.

    Eigentlich müssten die Fachstellen ja maximale Präsenz im Netz zeigen, mit Blogs, Webinars, Beratung und Kontaktmöglichkeiten auf allen Ebenen. Ich sehe da allerdings wenig.

    Aber wie erwähnt: Aus den ÖBs bekomme ich nur wenig mit.

  • Fachstellen und Präsenz im Netz – ein schwieriges Thema. Edlef Stabenau mokierte sich 2009 bei seinem Vortrag auf der Fachstellenkonferenz über den Fachstellenserver und den zwei Jahre alten akuellsten Eintrag (Folie 9 hier: http://www.slideshare.net/edlef/wenn-die-bibliothekswelt-auf-die-wirklichkeit-trifft ) – immerhin würde die Seite aufgehübscht und die letzte Meldung ist jetzt nur noch drei Monate alt http://www.fachstellen.de
    Ich schaue mir den Vorstand an. Frau Bünings Blog lese ich regelmäßig. Sein aktuellster Eintrag stammt von heute – ein Hammer, es ist ja immerhin Sonntag http://oebib.wordpress.com
    Ich würde mal denken, es hängt nicht weder am Geld noch an der Technik – wie so oft im Bibliothekswesen, auch wenn das Gegenteil behauptet wird. Und das ist es möglicherweise was der Präsident den Landesverwaltungsamtes einfordern wollte.