Weimarer EDOC-Tage 2011: Bibliothekssicht auf E-Books

E-Books und E-Reader als Herausforderung für Bibliotheken

Die bibliothekarische Sicht auf E-Books brachte Rudolf Mumenthaler ein, Leiter des Bereichts Innovation und Marketing der ETH Zürich. Dort ist es unter anderem seine Aufgabe sich mit E-books und den dazugehörigen Lesegeräten auseinandersetzen. Bei der derzeitigen Entwicklung ist dies “a work in progress”. Rudolf wollte uns mit seinem Beitrag auf den aktuellen Stand bringen und die derzeitigen Herausforderungen von E-Books und E-Readern für Bibliotheken zeigen.

2010 War als das Jahr der E-Book-Reader angekündigt worden. Sony Touch, Kindle 2, Nook Color, Cool-ER sind nur einige Reader, die käuflich zu erwerben waren. Auch großformatige reader auf eInk-Basis sollten kommen, aber das geschlossene System des iPads verhinderte ihr Erscheinen. Im Gegensatz zum E-Reader handelt es sich beim iPad um ein multifunktionales Gerät, welches eben nicht nur E-Books anzeigt, sondern Dank Internetzugang auch Multimedia-Inhalte zugänglich macht. Steht die Frage, ob 2011 das Jahr des leichteren, schnelleren und flacheren IPAD 2 und anderer Tablets wird. Als weitere Anwärter auf den Tablet-Thron stehen das Motorola Xoom, das Blackberry Playbook, das Samsung Galaxy Tab, das Asus EE Slate oder das HP Slate in den Startlöchern, die auf verschiedene Betriebssysteme, so z.B. Windows 7, Android u.a. setzen. Über 80 Tablets sind angekündigt und man muss sehen, welche sich davon durchsetzen werden.

Bei den E-Books zeigen die Verkaufszahlen auch aufgrund der guten E-Reader/Tablets, dass in den USA das E-Book einen Druchbruch zu verzeichnen hatte. 2010 stieg der Umsatz um 164 Prozent und der Anteil der E-Books am Buchhandelsmarkt der USA von 3,2 Prozent 2009 auf 8,3 Prozent im Jahr 2010 (Zahlen von Publishers.org). Diese Zahlen zeien, dass sich das E-Book in den USA durchgesetzt hat. So verkaufte Amazon im ersten Halbjahr des letzten Jahres erstmals mehr E-Books als Hardcoverbücher, teilte der Konzern Anfang diesen Jahres mit, dass erstmals mehr E-Books als Taschenbücher verkauft wurden. Letzten Monat waren es dann bereits mehr verkaufte E-Books als gedruckte Bücher insgesamt.

Betrachtet man die Durchsetzung des E-Books im deutschen Sprachraum, so muss man hier feststellen, dass sich dieses noch nicht durchgesetzt hat. Ein Grund dafür ist zum einen die vergleichsweise sehr geringe Anzahl von deutsprachigen Titeln, zum anderen die Tatsache, dass die E-Books z.B. von Barnes&Noble oder Google Books zuerst nur in den USA verfügbar waren/sind. Amazon Deutschland ist mit gerade 25.000 deutschsprachigen Titeln gestartet und die deutschsprachigen Verlage hinken zögerlich der Entwicklung hinterher.

Wissenschaftliche Bibliotheken beziehen E-Books in der Regel im PDF-Format. Dieses Format hat sich bei E-Journals im Wissenschaftsbereich etabliert und es erlaubt, E-Journals und E-Books kapitelweise herunter zu laden. Es bringt auch den Vorteil mit, dass es ein fixes Layout mit festem Zeilen- und Seitenumbruch ist, welches eine sichere Darstellung von Grafiken und Formeln etc. erlaubt und somit ein zuverlässiges Zitieren erlaubt. Es wird theoretisch von allen PCs und E-Readern unterstützt und kann mit oder ohne DRM, z.B. ADEPT von Adobe ausgeliefert werden.

Im Wissenschaftsbereich ist es bei den Lizenzen üblich, den Zugriff auf lizenzierte E-Books via IP-Range und ohne DRM zu erlauben. Benutzerunfreundlich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass man jedes Kapitel als einzelnes PDF herunterladen werden muss und jedes PDF den gleichen Titel besitzt und erst umbenannt werden muss. Wie sehen die Anforderungen der Benutzer aus? Sie möchten z.T. ganze Bücher downloaden und nicht nur einezlene Kapitel. Außerdem sollten die Metadaten in das Dokument integriert sein, ähnlich wie dies in Musikdateien bereits passiert.

Das übliche Lizenzierungsmodell ist dennoch sehr bibliotheksfreundlich und wird auch seitens des iPad unterstützt. So ist es auf dem iPad via VPN möglich über das Hochschulnetz zugreifen zu können. Für die Bearbeitung der PDFs gibt es die App GoodReader. Aber nur andere wenige E-Book-Reader können mit diesem Format arbeiten und schwierig für die wissenschaftliche Arbeit ist die beschränkte Annotierfähigkeit.

Das Format Mobipocket ist eine Open-E-Book-Standard, der ursprünglich für elektronische Texte auf Handhelds entwickelt wurde. Texte im Mobipocket-Format können selbst erstellt werden und diese können auf dem Kindle mit einer eigenen Version AZW (inkl. eigenem DRM) genutzt werden. Kindle-Software gibt es auch für den PC, Mac, das iPhone und iPad mit der jeweiligen, auf den eigenen Namen registrierten Software.

Das EPUB-Format in Version zwei ist ebenfalls ein offener Standard und basiert auf XHTML und XML. Ähnlich wie bei HTML gibt es hier einen flexiblen Satzspiegel und Seitenumbruch, d.h. der Text passt sich dynamisch an den Bildschirm an. Was die Lesbarkeit verbessert hat auch einige Mankos. So gibt es keine festen Seitenzahlen, was die Zitierung erschwert. Auch Fußnoten gibt es nicht, allenfalls Endnoten. Der Kindle arbeitet derzeit an einer Version, die die Seitenzahlen mit anzeigt. Sehr problematisch ist dieses Format bei der Darstellung von Bildern und Tabellen.

Aber Texte können auch selbst in das EPUB-Format transformiert werden. Wäre hier nicht eine Aufgabe für Bibliotheken, in dem sie ihren Forschern / Autoren einen Publikationsservice anbieten? Die Konversion von PDF zu EPUB ist aufwändig und besonders Tabellen, Grafiken und Formeln bereiten starke Probleme. Ein Zugriff auf die Originaldateien (Word, InDesign) vereinfacht diesen Prozess, dennoch wird es derzeit keine automatische Generierung geben. Sie erfordert eine Nachbearbeitung. Die Konvertierung in EPUB ist nicht trivial, aber es können innerhalb des Dokuments Verlinkungen geschaffen werden, z.B. zu Verzeichnissen usw. Doch E-Books sind nicht nur ein elektronisches Format, wie Enhanced E-Books beweisen. Neue Formen des E-Books integrieren beispielsweise Videos, Bilder, Annotationen, etc.

E-Books im EPUB-Format sind im Bibliotheksangebot selten zu finden, da Wissenschaftsverlage im B2B dieses Format im Gegensatz zum B2C kaum einsetzen. Dass es doch geht, zeigt das Verlagsangebot Palgrave Connect, das sogar ganz auf DRM verzichtet.

E-Books stellen Bibliotheken aber auch vor Probleme, einmal wenn es um den Zugang für externe Nutzer geht. Das gängige wissenschaftliche Lizenzmodell passt nur für Angehörige der Hochschulen durch eine Zugriffskontrolle via IP-Range. Damit werden externe Nutzer für den Zugriff von außerhalb ausgeschlossen. Aber auch wissenschaftliche Bibliotheken verstehen sich zunehmend als öffentliche Bibliotheken und wollen ihren Lesern den bestmöglichen Zugang gewähren.

Die Onleihe erlaubt den temporären Lesezugriff auf elektronische Dateien durch ein spezielles DRM (Adobe ADEPT). Die Dateien sind auf dem PC mit dem Adobe Digital Reader lesbar. Die Onleihe-Dokumente werden auch von den Sony-Readern unterstützt und sind via txtr oder dem Bluefire Reader auf dem iPad lesbar.

Es gibt auch verschiedene Angebote, die eine Art Onleihe für wissenschaftliche Literatur, wobei es nicht nur Angebote von Verlagen sondern auch von Aggregatoren gibt. Bekannte Beispiele sind z.B. die Angebote von MyiLibrary.com, Ebrary.com und Ciando.de. Weitere Probleme entstehen bei solchen Plattformen, wenn es um die Umstellung oder Nachlizenzierung von bereits erworbenen Medien geht.

Sollen Bibliotheken E-Reader in ihr Angebot aufnehmen? An der ETH Zürich gibt es diverse E-Reader mit Apps und Inhalten zum Testen. Bibliotheken zeigen, dass sie sich auch mit dieser Thematik befassen. Ihre Nutzer können die neuen Technologien ausprobieren, bevor sie selbst zum Konsumenten werden. Ein Angebot sind z.B. auch abonnierte zeitungen, die auf den E-Readern, z.B. dem iPad gelesen werden können, beispielsweise in der Lese-Lounge einer Bibliothek.

Bibliotheken sollten auch weitere Angebote rund zu den Readern machen, z.B. Schulungen zu diesen Geräten anbieten oder Technology Lending wie bspw. die NCSU Libraries anbieten. Andere bieten ganze Kollektionen von E-Books auf E-Readern als eine Art Sammelband über den Katalog an. Dieser Sammelband, z.B. mit Klassikern der deutschen Literatur, kann dann ganz normal über den OPAC ausgeliehen werden. Die ZB MED bietet iPads mit medizinischen Apps an.

Welche Rolle werden Bibliotheken zukünftig übernehmen? Ein Schreckenszenario für Bibliotheken und Buchhändler wäre es, wenn Amazon bspw. oder Google E-Books vermietet. Welche Rolle bliebe dann Bibliotheken?

Bibliotheken stehen vor weiteren Herausforderungen. Die Nutzer besitzend zunehmend mobile Endgeräte und ob die Bibliotheken das momentan so sehen oder nicht, sie werden dafür Inhalte verlangen. Im Endeffekt heißt dies, Bibliotheken müssen sich also nicht nur auf die Nutzungsform der E-Books einlassen, sondern müssen diese Inhalte auch für verschiedene Lesegeräte bereitstellen.

Rudolf prognostiziert, dass E-Books sich im wissenschaftlichen Berich durchsetzen wir, aber dass sie das gedruckte Buch nicht verdrängen werden. Das E-Books selbst mit seiner Volltextsuche wird eine starke Konkurrenz für Lehrbücher und Nachschlagewerke. Die Tablets werden sich etablieren und die Nutzer werden für die Inhalte nachfragen. Die E-Reader werden im tiefpreissegment eine Nische besetzen. Für eine weitere Verbreitung sind sie zu spezialisiert. Bibliotheken sind gefordert, vermehrt Inhalte so anbieten (müssen), dass sie auch auf mobilien Endgeräten gelesen werden können. Die betrifft u.a. Bücher, Webseiten und Kataloge.

Hochschulbibliotheken müssen ihre Dienstleistungspalette im Bereich E-Publishing erweitern: sie müssen elektronische Texte in den unterschiedlichsten Formaten für ihre Dokumentenserver und den Open-Access-Bereich erstellen und bereitstellen. Aber auch die Wissenschaftsverlage müssen ihre Hausaufgaben machen und benutzerfreundlichere Angebote entwickeln. Es heißt, nicht wie dei Musikverlage die sich abzeichnenden Entwicklungen zu verschlafen. Sie müssen attraktive Angebote schaffen, bevor die Nutzer eigene Alternativen entwickeln oder sich andere Anbieter suchen. Bibliotheken stehen den Verlagen heir als Projekt- oder Pilotpartner zur Verfügung.

Eine weitere Forderung ist, dass E-Books in Lernumgebungen integrierbar sein müssen. Bibliotheken könnten hier beispielsweise Plattformen für das Arbeiten mit E-Books entwickeln oder bestehende E-Books zu Enhanced E-Books anreichern. Jedoch gerade mittlere und kleinere Verlage werden laut Prof. Dr. von Lucius, Inhaber von Lucius & Lucius, nicht in der Lage sein, passende Angebote selbst zu entwickeln. Dies wird zu einer verstärkten Konzentration in der Verlagswelt führen. Dr. Simon-Ritz machte deutlich, dass Bibliotheken dabei zu bedenken haben, wie hoch der Anteil der Ausgaben ist und wie hoch die Nutzung und die Außenwirkung bei elektronischen Medien ist. Dem gegenüber muss man abwägen, welche personellen Ressourcen in der Einrichtung vorhanden sind und wie hoch die Kosten für die Entwicklung entsprechender Angebote sind.


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2 Kommentare

  • Rudolf Mumenthaler

    Herzlichen Dank an Dörte für den ausführlichen Bericht. Eine kleine Berichtigung habe ich bezüglich der Seitenzahlen beim EPUB. Die ursprünglichen Seitenzahlen des Originaltextes können bei der Herstellung ins EPUB (und auch ins Mobipocket-Format für den Kindle) übertragen werden. Der erste Schritt ist also die Produktion des EPUB. Mir ist nicht bekannt, wieviele der kommerziellen Angebote bereits entsprechend konfiguriert sind.
    Dann muss auch noch der Reader entsprechend konfiguriert sein. Bei den Sony-Modellen ist die Seitenanzeige in Form einer kleinen Seitenzahl am Rand neben dem Textblock schon länger verfügbar. Amazon ist dabei, die eigenen E-Books entsprechend umzuformatieren. Und auf dem iPad sind die Seitenzahlen in der App Bluefire Reader sichtbar.

    • Dörte Böhner

      Hallo Rudolf,

      danke für die Berichtigung. Bei der Masse an Informationen, habe ich das anscheinend nicht ganz richtig verstanden, dass sich diese Information nur auf den Kindle bezog. 🙂