„Mein jetztiger Arbeitsalltag unterscheidet sich gewaltig von meinen ersten Bibliothekserfahrungen…“

Von Jessica Witt

Arbeitsstelle:
Deutsche Bücherei Tondern
Popsensgade 6
6270 Tønder

Zur Autorin: Ich bin 25 Jahre alt und habe im Januar die Leitung der Deutschen Bücherei Tondern in Tønder, Dänemark übernommen. Hier in Süddänemark gibt es eine deutsche Minderheit und daher auch 5 deutsche Büchereien und zwei deutsche Bücherbusse. Wir haben eine Zentralbücherei in Apenrade (Aabenraa, DK) und vier Filialen. Eine davon ist eben die Deutsche Bücherei in Tondern. Bis vor kurzem habe ich in Hamburg an der HAW studiert. Jetzt fehlt mir nur noch meine Abschlussarbeit zum Master in Informationswissenschaft und -management.

1. Wie lange begleiten Sie den bibliothekarischen Zirkus?

Meine Berufserfahrung in Sachen Bibliothek lässt sich noch recht schnell erzählen, denn meine jetztige Anstellung als Bibliothekarin in der Deutschen Bücherei Tondern ist auch meine erste. Allerdings unterscheidet sich mein jetztiger Arbeitsalltag gewaltig von meinen ersten Bibliothekserfahrungen.


Die Stadtbücherei meiner Heimatstadt befand sich im Gebäude meiner Grundschule und so konnte ich schon als Erstleser Bibliothekserfahrung sammeln. Die Bibliothek war damals ein dunkler Raum, schlecht beleuchtet, etwas muffig. Die Bibliothekarin war grauhaarig und hatte tatsächlich den berühmten Dutt und eine Brille. Sie mahnte uns ständig zur Ruhe und so schlichen wir auf Zehenspitzen durch die Bücherei. Traf ich sie in unserer kleinen Stadt auf der Straße, so hatte ich doch immer ein bisschen Angst vor ihr. In dem hinteren Bereich, der noch schlechter beleuchtet und den Erwachsenen vorbehalten war, hatten wir Kinder nichts zu suchen. Am Besten sollten wir uns schnell etwas aussuchen und dann auch schnell wieder gehen.

Mein Bibliotheksausweis war grün, mit kleinen Zetteln auf denen meine Ausweisnummer eingestanzt war. Er kostete 1 Mark. Waren alle Zettel aufgebraucht, musste man sich einen neuen Block für 50 Pfennig kaufen. Bei jeder Ausleihe riss die besagte Bibliothekarin einen kleinen Zettel aus, den sie in die Leihkarte des ausgewählten Buches legte. Mit beiden verschwand sie im hinteren Teil der Bücherei und kam nur noch einmal heraus, um einen Stempel mit dem Abgabedatum in mein Buch zu drücken.

Heute sieht das alles anders aus. Meine kleine Bücherei in Tondern ist hell erleuchtet und zwar in JEDER Ecke. Ich trage meine Haare offen und trage Kontaktlinsen statt Brille. Kinder sind herzlich willkommen und werden sogar von mir persönlich in die Bücherei eingeladen. Dort angekommen, dürfen sie spielen, sich verkleiden und auch mal ein bisschen laut sein. Zum Ausleihen ihrer Lieblingsbücher brauchen sie mir nur noch ihren Namen sagen. Ich lege die Bücher auf eine Platte auf der Theke und dank RFID-Technik ist das Buch auch schon verbucht und wandert in die Tasche seines neuen vorübergehenden Besitzers. Und auf Grund des Bibliotheksgesetzes in Dänemark ist das ganze auch noch kostenlos. Was die beschriebene Bücherei aus meiner Kindheit angeht, so ist auch diese heute bunt, hell, fröhlich und modern und kein Kind muss sich noch vor gefährlichen Bibliothekarinnen fürchten.

Als Bild sende ich euch ein Foto von mir bei meiner ersten Kinderveranstaltung als Bibliothekarin. Ich finde, dieses Bild schon ein bisschen symbolisch für den Idealismus, der mich dazu bewegt hat diesen Beruf zu ergreifen (siehe Antwort zu Frage 2).

Kinderveranstaltung in Tondern

Jessica Witt und eine Kinderveranstaltung in der Deutschen Bibliothek Tondern

2. Was hat sie angetrieben, sich gerade eine Arbeit im Bibliotheksbereich zu suchen?

Nun was hat mich nach dieser gruseligen Kindheitserfahrung dazu gebracht, ein Studium in Bibliotheksmanagement anzufangen? Zum Einen war da meine Familie, die immer sagte, ich würde perfekt in eine Bücherei passen, auch wenn sie dabei vielleicht auch eher an die Variante mit Dutt und der ständigen Mahnung zur Ruhe dachten. Ich fand unsere Stadtbücherei zwar etwas gruselig als Kind, dennoch war ich sehr häufig dort, denn mein Durst nach Lesestoff war unermesslich. Außerdem genoß ich auch die Ruhe an diesem Ort als Unterbrechung des doch sehr lauten Schulalltags.

Zum Anderen war da eine Idee und eine Vorstellung, die wahrlich an Idealismus grenzt. Es ist die große Idee, die für mich hinter öffentlichen Bibliotheken steht. Die Idee vom Wissen für alle, die Idee von Büchern als Tor zur Welt. Es sind Zitate wie dieses: „If you walk into a library, you’re the equal of anybody else“ (leider kann ich mich nicht erinnern von wem dieses Zitat stammt). Es ist die Idee, dass Kinder durch meine Hilfe lesen lernen und wir ihnen die Liebe zu Büchern vorleben können. All das in Kombination macht die Liebe zu meinem Beruf aus.

Außerdem waren da auch noch ganz praktische Überlegungen. In einer Bücherei warten unterschiedliche Aufgaben auf mich und ich muss nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und das Telefon beantworten oder Briefe schreiben. Es steckt so viel Vielfalt in diesem Beruf. Seien es Ausleih- und Beratungsstunden mit den Lesern, die Bearbeitung einer neuen Medienbestellung, eine Vorlesestunde mit den Kindergarten- oder Schulkindern, das Schreiben eines neuen Beitrages für unseren Büchereiblog oder die Organisation einer Lesung. Ich kann in diesem Beruf viele meiner Kompetenzen ausleben und meine Ideen umsetzen.

3. Wie sahen und sehen Ihre Aufgaben aus und was hat sich Ihrer Meinung nach am deutlichsten geändert?

Dazu kann ich denke ich nicht viel mehr sagen, als das, was ich bei Frage 1 beschrieben habe. Bibliotheken sind heute unkomplizierter und fröhlicher als sie es einmal waren. Neue Technik hält permanent Einzug in die Bibliotheken und verändert immer wieder den Arbeitsalltag von uns Bibliothekaren. Es gibt schon so etwas wie einen ständigen Wandel, denn in der heutigen Zeit verändern sich gerade auf dem Gebiet der Information die Möglichkeiten so schnell, dass es eine Herausforderung für jeden Bibliothekar ist, da mitzuhalten. Ich kann heute meinen Lesern Tipps zur Recherche geben, von denen man vor 10 Jahren noch geträumt hat und dennoch sind die meisten dankbar, wenn ich ihnen ein gutes altes Buch in die Hand drücken kann. Dann haben sie etwas sicheres, etwas greifbares.

4. In welcher Form spielen Social Media-Angebote eine Rolle in oder für ihre Arbeit?

In meinem Arbeitsalltag spielen sie eine große Rolle, denn wir betreiben und betreuen als Bücherei neben unserer facebook-Gruppe, die übrigens eine Leserin von uns ins Leben rief, auch einen Blog, auf dem regelmäßig neue Einträge entstehen. Hier berichten wir unseren Lesern über unsere neuesten Medien, laden sie zu Veranstaltungen ein oder erklären einfach nochmal zum Nachlesen die Onleihe oder den OPAC. Natürlich werden Blogeinträge auch sofort über facebook bekanntgegeben, um so unsere Leser, und hoffentlich auch den ein oder anderen Nicht-Leser, auf unsere neuen Einträge aufmerksam zu machen.

Gerade für den Blog wende ich schon einige Arbeitsstunden in der Woche auf, doch bisher gab es auch nur positive Resonanz von Lesern und Kollegen, sodass ich denke, dass sich die eingesetzte Zeit auch wirklich lohnt. Die facebook-Gruppe dagegen ist relativ pflegeleicht. Ich sehe beide Angebote als tolles Kommunikationsinstrument mit unseren Lesern. Ich kann so mit relativ geringem Aufwand viele erreichen.

Sehr schön ist auch, dass ich im Gegensatz zu konventionellen Werbemaßnahmen (Zeitung, Poster etc.), die wir natürlich auch betreiben, eine Meßbarkeit habe, denn ich kann ja sehen, wieviele Klicks es auf meinem Blog gab. So kann ich erkennen, was die Leute interessiert und ob meine Inhalte die Leute auch erreichen. Es ist allerdings und das muss man sagen, noch ein ziemlich experimentelles Feld. Dennoch bietet es viel Potenzial, wenn wir es einmal geschafft haben, viele unserer Leser darauf aufmerksam zu machen, welche Möglichkeiten sie haben, wenn sie sich zum Beispiel mit Kommentaren an unseren Social Media-Angeboten beteiligen. Doch dies zu schaffen, stellt sich relativ schwierig dar. Vielen Lesern sind die Möglichkeiten auf diesem Wege Einfluss zu nehmen noch nicht bewusst und wir als Bibliotheken sind häufig mit unseren Angeboten nicht sichtbar genug. Vielleicht gelingt es uns, die Social Media-Angebote dennoch so zu nutzen, dass wir für alle sichtbarer werden?

5. In welche Richtung entwickelt sich ihre Arbeit/die Bibliothek zukünftig?

Das ist sicherlich die schwierigste Frage. Ich denke wie bereits gesagt, dass zu wenige Menschen die Bibliotheken und ihre Angebote wirklich kennen. In meiner Familie war außer mir in den letzten 15 Jahren keiner auch nur einmal in einer Bibliothek. Und das finde ich schon ein bisschen traurig. Erzähle ich in meinem Bekanntenkreis davon, dass ich Bibliothekarin bin, höre ich immer wieder die gleichen Fragen: „Also verkaufst du Bücher?“, „Das muss man studieren?“ und „DAS gibt es in der Bücherei?“. Bibliotheken werden viel zu oft auf Bücher reduziert.

Ich denke, dass auch das gedruckte Buch eine „große Zukunft“ (um mal den Titel von Umberto Ecos Buch zu zitieren) hat, denn es wird immer Leser geben, die aus Lust lesen. Die gerne Seiten umblättern, die keinen Strom für die Lektüre brauchen wollen, denn auch beim besten E-Reader ist irgendwann der Akku leer und das garantiert an der spannendsten Stelle, wenn eben doch mal keine Steckdose in der Nähe ist. Es gibt die „in-der-Badewanne-Leser“, denen mit einem elektrischen Gerät sicherlich auch nicht geholfen ist. Gerade bei der sogenannten schönen Literatur sehe ich also kein Ende der bibliothekarischen Beschäftigung. Wie es um die Zukunft des Sachbuchs bestellt ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Viele steigen dort auf eBooks um, doch auch die müssen bereitgestellt werden. Auch hier gibt es den Bedarf, diese ausleihen zu können, statt kaufen zu müssen, zumal in einem Land, in dem es eine Buchpreisbindung gibt und ein eBook eben nicht zum Dumpingpreis zur Verfügung steht.

Ich würde mir wünschen, dass Bibliotheken als Räume stärker zu einem kulturellen kommunalen Treffpunkt werden. Dass Projekte wie „Dialog in Deutsch“ aus Hamburg, wo sich internationale Gesprächsgruppen in den Bücherhallen zum gemeinsamen lockeren Deutschsprechen treffen, sich etablieren und Fremde in einer Stadt als erstes dies Stadtbücherei ansteuern, um einen Überblick zu bekommen, was so los ist in ihrer neuen Stadt.

Wie schon gesagt, hoffe ich, dass immer mehr Menschen das Potenzial der Bibliotheken erkennen und auch ausschöpfen, denn in Zeiten, in denen Informationen im Internet nur einen Klick entfernt sind, werden Bibliothekare als Helfer dringender denn je gebraucht. Viele Menschen verstricken sich im Netz, werden von der Informationsflut von ihrem Weg abgebracht und verlieren das Wesentliche aus den Augen. Dann ist ein Bibliothekar, der wieder etwas Übersicht und eine Richtung in die Recherche bringt eine große Hilfe und das sage ich jetzt nicht als Bibliothekarin, sondern als abschlussarbeitschreibende Studentin. Und ich hoffe, dass Bibliotheken auch weiterhin von den Ideen leben können, die ich als Antwort auf Frage 2 beschrieben habe.


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5 Kommentare

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  • Dörte Böhner

    Noch ein Tipp:
    Wer mehr von Frau Witt lesen möchte, kann dies im Bibliotheksblog der Deutschen Bücherei Tondern tun oder in ihrem privaten Blog Auswandern und andere Katastrophen

  • Respekt, wenn man ins Ausland geht. Ich hätte mir das in diesem Alter noch nicht getraut. Allerdings sehe ich die Zukunft des Buches nicht mehr in Bibliotheken die das Buch selbst anbieten, sondern eher in den eBooks, also den virtuellen Bibliotheken.

    • Jessica Witt

      Hallo Carl,

      danke für seinen Kommentar! Ich denke, dass beides seine Zukunft hat. Wie ich bereits sagte, denke ich nicht, dass die „Genuss-Leser“ auf das eBook umsteigen werden. Vielleicht werden sie aber irgendwann aussterben? Wer weiß. In bestimmten Bereichen, gerade beim Sachbuch aber auch durchaus auf der Ebene der schönen Literatur sehe ich sehr großes Potential im eBook und deshalb habe ich ja auch geschrieben, dass auch hier ein Bedarf zur Ausleihe von Medien besteht. Ich finde auf jedenfalls die Entwicklung beider Medientypen sehr spannend und freue mich drauf diese als Bibliothekarin an vorderster Front mitzuerleben. 🙂