Happy Kids dank Happy Books? Inwiefern die Kritik an der Lesefutteraktion bei Mc Donalds selbstgerecht ist

„Unsere Experten haben die Titel geprüft und können bestätigen, dass sie sowohl zum Vorlesen wie auch als Lesefutter für Kinder zwischen 3 und 9 Jahren gut geeignet sind und damit einen guten Impuls für die Entwicklung von Lesefreude setzen können.“ Sabine Uehlein (Stiftung Lesen)

Verzweiflungstat oder die optimale Lösung zur Leseförderung? Tue Gutes und sprich darüber. Dies haben sich auch die Stiftung Lesen, Kinderbuchverlage und Mc Donalds gedacht, die seit 31.08 zusammenarbeiten. Hierbei wird nicht nur die bekannteste Fastfoodkette der Welt ein Stück weit besseres Image gewinnen („Greenwashing„), sondern auch deren Partner. Ist es Zufall, dass diese Aktion am 31.08. begann, der zufällig mit dem Ende der Schulferien in einigen Bundesländern korrepondiert? Auf der Webseite der Stiftung Lesen bezeichnet diese ihre Arbeit als zeitgemäße Leseförderung. Angesprochen werden Kinder im Alter von 3 – 9 Jahren, was nicht etwa zufällig die Zielgruppe für Mc Donalds ist, die frühzeitig „angefixt“ werden soll, um zukünftiger und regelmäßiger McDonalds Kunden zu gewinnen. Doch es könnte durchaus sein, dass die zeitlich begrenzte Aktion, die von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch kritisiert wird, auch imstande wäre nachhaltig Kinder bei der frühkindlichen Leseförderung bzw. im ersten Lesealter mehr Lust auf Bücher zu machen, so dass diese durch ihre Eltern und in Ausnahmen durch Eigeninitiative ihren Hunger nach Lesefutter stillen könnten.

Meiner Meinung nach ist es heuchlerisch und selbstgerecht diese zeitlich befristete Aktion (bis 28.09) nun als moralisch verwerflich zu brandmarken und die Stiftung Lesen einseitig zu attackieren. Bibliotheken und Buchhandlungen haben es allzu sehr in einigen Städten Deutschlands (und anderswo) – zwar nicht in allen Fällen – versäumt dort präsent zu sein, wo Menschen aus vermeintlich bildungsfernen Familien ihre Freizeit verbringen, um den Dialog zu suchen und vielen als sogenannte „sozial Schwache“ und stigmatisierte Menschen die Schwellenängste vor den Bildungseinrichtungen der Mittelschicht zu nehmen, die zunehmend verroht und sich immer häufiger durch Verachtung gegenüber den sozial benachteiligten Menschen auszeichnet. Bildungseinrichtungen, wie die ebengenannten heißen ja nicht per se Bildungseinrichtungen, weil da Menschen hineingehen, die bereits gebildet sind. Im Gegenteil, deren Auftrag sollte sein Menschen unterschiedlcher Milieus für Bildung zu beistern. Doch beim Betreten dieser Einrichtungen, wird eher erstere Vermutung deutlicher. John Vincent, ein erfahrener Bibliothekar aus London brachte es 2010 in Birmigingham auf den Punkt. Das Wort Libraries könnte meiner Meinung auch mit Schulen und anderen Bildungsstätten ausgetauscht werden:

Libraries are not very keen on groupes, which don’t give a great output.”

Bestes Beispiel hierfür sind Familienbildungs- und Elternbildungskurse, die von kirchlichen und kommunalen Trägern angeboten werden. Sehr häufig entstammen viele Teilnehmer auch hier nicht der Schicht der bildungsbenachteiligten Menschen, die solche Angebote ebenso nötig hätten, wie mir auch ein diöseaner Leiter für Erwachsenenbildung und eine Dozentin aus diesem Bereich versicherten. Nein, es ist zum großen Teil die Mittelschicht, welche solche Angebote weitestgehend in Anspruch nimmt. Die Frage, die sich hieraus ergibt, was wurde über all die Jahre verschlafen, dass nun Privatstiftungen, multinationale Konzerne (in diesem Falle Mc Donalds) und Verlage das Lesen vermeintlich zu fördern scheinen?

In der Stadt, in der ich lebe, gab es bis vor 10 Jahren nur zwei Mc Donalds Filialien und eine Burger King Filiale. Inzwischen gibt es zwei Burger King Filialen, vier Mc Donalds Filialen und eine Kentucky Fried Chicken Filiale, mindestens 10 Döner Kebab-filialen und drei Subwayfilialen.Sicherlich habe ich andere Imbißbuden, an denen es Curry Wurst, Pommes und andere Dickmacher gibt, an dieser Stelle nicht einzeln aufgeführt und diese extra hinzugezählt. Fast Food gibt es vor allem in Berlin und in anderen Großstädten überall an jeder Ecke. Wer nun Mc Donalds Bashing betreibt, sollte einmal in einen normalen Discounter gehen, in dem sich Eltern mit Fast Food aus der Tiefkühltruhe, Süßigkeiten und Fleisch eindecken. Das Problem wird durch ein Verbot einer Kooperation mit der Stiftung Lesen und Mc Donalds nicht gelöst. Es soll ja auch Menschen in Deutschland geben, die sich kein gentechnikfreies, discounterfreies und fastfoodfreies Essen leisten können. Selbst wer von Hartz IV lebt oder zu den nicht gerade wenigen Niedriglohnempfängern in diesem Land zählt, aber dennoch einen eigenen Schrebergarten unterhält, is(s) zwangsläufig nicht immer (un-)gesünder. Biblisch gesprochen: „Der oder die kein Fastfood isst, werfe den ersten Stein.“

Mittlerweile ist es keine Frage der Schichtenzugehörigkeit, wer Fastfood zu sich nimmt. In Büros, in Vorstandsetagen und in vermeintlich bildungsbürgerlichen Milieus, isst man dann eben nur ein Eis oder trinkt einen Kaffee im Mc Café oder isst ab und an einen Hamburger. Diese Schnellketten gehören mittlerweile nicht nur bei uns zum Mainstream, sondern verdrängen zunehmend in Osteuropa und anderswo und anderswo gute Restaurants in bester Lage. Das Problem der Verbreitung solcher weltweiten Fastfoodketten ist daher vielschichtiger. Einseitige Anprangerungen einer solchen Aktion werden der Sache nicht gerecht. Als ich im Rahmen des 100. Bibliothekartages 2011 in Berlin mit einer Bibliothekarin einer Bibliothek für europäische Statistiken in der S-Bahn ins Gespräch kam, stellte sie erneut fest, dass die Deutschen zu den dicksten Nationen Europas und auch weltweit in Rankings obenauf sind. Was kann darauf gefolgert werden? Dass Mc Donalds nur die Spitze des Eisbergs ist, der hier angegriffen wird. Eine differenzierte Analyse, warum gerade in diesem Land die Menschen so dick sind, wäre an dieser Stelle eher angebracht.

Der pauschalen Aussage vieler Kritiker McDonalds Kunden seien alle bildungsfern und weniger lesefreudig stimme ich nicht zu.  Wenn Kommmunen, Politikern, Bürgern und sogenannten Aktivisten daran gelegen ist, gegen Fast-Food-Lokale und deren Greenwashingmethoden vorzugehen, dann kommt die Aktion mit den durch Verlage und der Stiftung Lesen geförderten Buchaktion aber reichlich spät. Bevor bzw. kurz nachdem derartige Filialen überhaupt eine Genehmigung für den Bau einer solchen bekommen, hätte sich bereits Widerstand bei den „gesunden Essern“ und Vorzeigepädagogen regen müssen. Ob nun die Stiftung Lesen durch die Mitarbeit an dieser Aktion ein schlechtes Image erleidet, wage ich zu bezweifeln. Sie wird auch dort einen höheren Bekanntheitsgrad erlangen, wo sie bislang gänzlich unbekannt war. Sollte es dererlei Aktionen aus ethischen und sonstigen Gründen in Zukunft nicht mehr geben, dann werden die Kinder, welche vor allem erreicht werden sollen, eben keine Bücher mehr in ihren Tüten vorfinden, sondern Trinkgläser oder Spielzeug. Den Kindern wird damit nicht geholfen.

Die Stiftung Lesen verteidigt ihre kontroverse Zusammenarbeit mit Mc Donalds wie folgt:

„Wir sind aber der Meinung, dass man angesichts der erschreckend hohen Zahl von Analphabeten auch ungewöhnliche Wege gehen muss.“

Wenn staaliche und kommunale Einrichtungen (Schulen, Eltern- und Familienbildungsstätten, Bibliotheken und Jugendhilfeeinrichtungen) anscheinend nicht in der Lage sind, bestimmte Mängel zu beheben, dann kann diese Aktion ein Mittel dazu zu sein Lust auf Mehr zu machen. Doch niemand wird vom Analphabeten zun Alphabetisierten nur weil er oder sie bei Mc Donalds „Happy Meals“ kauft. Eher wird er oder sie als regelmäßiger McDonalds Kunde an Gewicht zulegen, anstatt das flüssige Lesen zu vervollkommen. An dieser Stelle ist die Begründung/Ausrede der Stiftung Lesen äußerst dürftig.

Die Dosis macht das Gift. Eltern, dieFastfoodlokale meiden, kaufen ihren Kindern dann eben Süßigkeiten, Speiseeis oder andere eher ungesunde Lebensmittel. Es liegt allein in der Hand der Eltern, wie sie ihre Kinder ernähren und erziehen.

An dieser Stelle ist dem Handelsblatt Recht zu geben, das diese Art der Leseförderung lobt.

„Dabei könnte man es auch anders herum sehen: Wer will, dass aus Kindern aufgeklärte Verbraucher werden, die aufmerksam Kalorientabellen studieren, der muss sie erstmal in die Lage versetzen, solche Informationen zu verarbeiten. Lesen ist da schon mal kein schlechter Anfang.“

Der neueste Coup Mc Donalds ist die Errichtung vegetarischer Filialen in Indien und Pakistan, die im nächsten Jahr eröffnet werden.

In der US-amerikanischen Stadt Detroit erhält jedes Schulkind im Rahmen des „McDonald’s Books and Backpacks Program“ kostenlose Happy Meals, wenn jedes Kind fünf Bücher gelesen hat. In einer der 24 Stadtteilbibliotheken Detroits können sich Kinder ihre Leseförderung in einem kleinen Heftchen abstempeln lassen. Inwiefern BibliothekarInnen oder andere Erwachsenen diese Lesekompetenz bzw. nachprüfen, ob die Kinder die Bücher tatsächlich lasen, kommt in dem folgenden Video nicht vor. Darin kommt die Koordinatorin für die Kinder und Teenagerarbeit, die zweite Leiterin der Stadtbibliothek und die Ehefrau des Bürgermeisters vor, die diese Aktion ausdrücklich als einen Erfolg darstellt. Beide Videos erklären, welche Belohnung Kinder erhalten, wenn diese lesen. Es gibt auch Gutscheine einer Buchhandelskette. Auch hierüber kann geurteilt werden, dass es moralisch und ethisch verwerflich ist, Kinder mit Fastfood zu belohnen, wenn diese lesen. Dennoch müssen meines Erachtens Anreize geschaffen, Kindern aus buchfernen Familien Lesen schmackhaft zu machen, ohne dabei gleichzeitig die „Fastfoodsucht“ zu fördern.


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2 thoughts on “Happy Kids dank Happy Books? Inwiefern die Kritik an der Lesefutteraktion bei Mc Donalds selbstgerecht ist

  1. Hamburger und Leseratten – eine praktische Entgegnung

    Als vor über 40 Jahren das Centre Pompidou mit der Informationsbibliothek eröffnet wurde, war es ein beispielloser Erfolg. Nachdem man gesehen hatte, dass die Nationalbibliothek nicht die Informationsbedürfnisse des „einfachen Volkes befriedigen konnte, war man erstaunt, dass die Massen lange vor Öffnung die Treppen bevölkerte und den Multimedia Bestand in einer Art nutzte, wie man das nie gedacht hatte. Es gibt heute in Berlin keine vergleichbare Institution wohl aber in Dänemark, Großbritannien, Niederlande und anderen Städten.
    Im gleichen Jahr eröffnete, getrennt vom eigentlichen Centre, die Kinderbücherei ihre Pforten mit schönen Möbeln und noch schönerer kindgemäßer Literatur. Sie hatte nur einen Fehler und musste daher nach einiger Zeit schließen, sie wurde nicht genutzt. Der Zugang war nur Kindern ohne Erwachsene gestattet. Man wollte den Kindern repressionsfreien Umgang mit Literatur ermöglichen. Dieses Beispiel erinnert an den berühmten Staufer Heinrich II der wissen wollte, welche Sprache die Kinder zuerst nutzen und daher das Pflegepersonal anwies, mit den Kindern nicht zu sprechen. Er konnte das Ergebnis des Experiments nicht erfahren, da alle Kinder starben.

    Wir wissen heute, dass Kinder über ihre Eltern bzw. Beziehungspersonen zu Leser werden. Sie brauchen Vorleser, das können Kindergärtner/innen etc sein. Kinder (übrigens nicht nur Kinder) wollen in eine Atmosphäre eingehüllt werden. Die zentrale Kinderbibliothek in Moskau gehört zum Schönsten , was Kindern in dieser Hinsicht geboten wird.

    Nun aber MacDonald – glaubt man wirklich, dass man mit Büchern in diesen Esstempeln Mütter /Väter und ihre Kinder zum Lesen bewegen kann. Ein Weg in die lokale Bibliothek, auch wenn das Personal an der Theke unfreundlich ist und die Öffnungszeiten wenig passend, ist doch lohnender und wirklich vielseitiger. Man kann dort alle Bücher der Welt ausleihen (für Kinder kostenlos).

    Wir besuchen alle hin und wieder MacDonald. Weil wir keine Zeit haben, weil Pommes Frites nun mal die Lieblingsspeise der meisten Kinder ist. Aber die Lust am Lesen speist aus anderen Quellen und ein Kampf gegen Analphebetismus ist auf so einfache Weise nicht zu gewinnen.

    Im Gegenteil !Analpabetisierung ist eine große und brennende Aufgabe, die gelöst werden muss, weil sie großes Leid für die Betroffenen bedeutet und großen wirtschaftlichen Schaden, auf den wir hinweisen, da auf diesem Ohr die Gesellschaft heute hellhöriger ist. Es gibt Berechnungen, die zeigen, wieviel Schäden der Wirtschaft durch Anleitungen geschehen, die nicht verstanden werden. Mein ADAC Mann, der versuchte, einen Reifen in einem neuen Renault zu wechseln und mit der Anleitung einen heroischen Kampf aufführte, wäre ein guter Zeuge.

    Der Kampf gegen Analphebetimus müsste begonnen werden, aber mit anderen Mitteln – wenn er denn gewonnen wird , dann könnte MacDonald alle zu einem Fest einladen.

  2. Liebe Frau Simon, vielen Dank für Ihren interessanten Kommentar, der wunderbare Beispiele aus dem Ausland lobt. Dass die Stiftung Lesen behauptet, dass angesichts der erschreckend hohen Zahl von Analphabeten auch ungewöhnliche Wege gegangen werden müssen, habe ich auch kritisiert, da diese Aktion nicht den Analphabeten weiterhilft.

    Mir ging es generell um die exemplarische Verteufelung einer Fastfoodkette, da das Problem nicht Mc Donalds ist, sondern unser Essverhalten als die dicksten Menschen in Europa und unser Leseverhalten und den Institutionen, die sich bildungsfernen Schichten annehmen sollten. Es sind ja auch Eltern- und Familienbildungsstätten, die allzu oft hauptsächlich die Mittelschicht erreichen anstatt „andere Wege“ zu gehen.

    2009 konnte ich mit eigenen Augen (in Rotterdam) sehen, wie Bibliotheken in den Niederlanden landesweit die Alphabetisierung fördern. Hier ein Link zu einem Foto: http://www.flickr.com/photos/23533506@N04/5509997519/in/set-72157624738820891

    Ich gebe Ihnen in allen Punkten Recht, aber die Aktion hat ihre Berechtigung, auch wenn mir die Erklärungen und Begründungen der Partner eher sehr dürftig vorkommen. Mich stört nur die Doppelmoral dabei, denn Fastfood gibt es nahezu überall.

    Das mag sicher richtig sein, aber wenn Kinder keine Stadtteilbibliothek in der Nähe haben oder gar eine Schulbibliothek, dann werden sie auch da nicht hingehen. Ich habe 2009/10 mit Kindern zu tun gehabt und obwohl eine Führung in der Stadtbibliothek stattfand, ist kaum jemand mehr dahin zurück gegangen, da die Bib. zu weit weg liegt., allen voran die Jungs. Nach wie vor gibt es in manchen Kommunen zu wenig Kooperationen mit den Stadtteiltreffs und dem sogenannten Quartiersmanagement. Es könnte doch sein, dass Kinder mehr Lust auch auf diese bei Mc Donalds angebotenen Bücher bekommen. Mittlerweile ist die Bibliothèque am Centre Pompidou häufig so überfüllt und die Jugendlichen weichen auf die nahegelegene Mc Donalds Filiale in der Nähe vom Hôtel de Ville aus, um dort im Untergeschoß zu lernen und ihre Hausaufgaben zu erledigen. Mir erscheint es vor allem in Paris so zu sein, dass die Bibliotheken (BNF, BPI und Stadtteilbibliotheken) aus allen Nähten platzen.

    Ihr Plädoyer in allen Ehren, aber seitdem sind 40 Jahre vergangen und es hat sich anscheinend bezüglich der Bekämpfung des Analphabetismus in Deutschland durch Bibliotheken leider wenig getan. Landesweite Strategien und Konzepte wie in den Niederlanden habe ich bislang noch keine kennen gelernt.

    Freundliche Grüße

    W. Kaiser

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