[OT] Weichgespült, abgerundet, den sprachlichen Charme verloren…

Ich ärgere mich derzeit darüber, dass Kinderbücher derzeit regelrecht verstümmelt werden. An weichgespülte verdisneysierte amerikanische Märchenversionen hat man sich ja irgendwie schon gewöhnt, aber braucht man Kinderbuchklassiker wirklich “politisch korrekt”? Geht da nicht zu viel Charme verloren, wenn Kinder eine plattgedrückte, abgerundete Version in einer Einheitssprache zu lesen bekommen? Wo bleibt der sprachliche Lerneffekt, wenn man veraltete Begrifflichkeiten aus diesen Büchern klaut, anstatt zu erklären, was sie bedeuten, warum man sie vielleicht nicht mehr verwenden sollte und was stattdessen die bessere Variante wäre.

Jetzt vergreift man sich doch tatsächlich an Ottfried Preußlers “Die kleine Hexe” weil Begriffe wie “Negerlein” “Chinesenmädchen” und “Zigeuner” nicht mehr politisch en vogue sind und irgendjemand sich dadurch auf den Schlips getreten fühlt. Sorgen wir so nicht für eine Verarmung der Sprache und für den Verlust eines gesunden Sprachgefühls? Verlieren wir so nicht ein Stück Geschichte und Geschichtsbewusstsein, weil Änderungen in Einstellungen so verloren gehen?

Lesenswert dazu ist der Beitrag von Harald Eggebrecht in der Süddeutschen Zeitung: “Robinson Crusoes furchtbar korrekte Abenteuer

Ich weiß noch, wie sehr ich mich 2000 über die furchtbare neue Übersetzung Kreges vom “Herrn der Ringe” aufgeregt habe, wo aus Frodo nicht mehr Herr sondern ein Chef wurde und auf die Ehrenbezeugende Ansprache “Ihr” verzichtet wurde. Leider ist meine Ausgabe der Carroux-Übersetzung verloren gegangen. 🙁 Mag sein, dass diese inzwischen 40-Jahre alte Fassung nicht ganz dem Original entspricht und die neue Übersetzung eventuell näher herankommt, aber dennoch hat die alte Version meiner Meinung nach einen viel größeren Charme. Die mögliche “Fremdheit” macht meiner Meinung nach nochmal viel deutlicher, in was für einer fantastischen Welt man sich bewegt.

Ist eigentlich dies auch ein Problem für BibliothekarInnen in öffentlichen Bibliotheken, weil sie darauf achten sollten, ihre Bestände politisch korrekt zu halten? Müssen alte Versionen ausgesondert werden? Dürfen nur noch die neuen Versionen angeschafft werden? Lässt sich so eine gewachsene Kultur überhaupt noch vermitteln und erleben? Müssen demnächst dann “Anglizismen” in Kinderbücher eingebaut werden, damit sie überhaupt noch verständlich für die Kinder sind? Ist das Anpassen vielleicht nicht nur eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, angestoßen durch überempfindliche Erwachsene?

Ich verstehe, dass wir eine kritische Auseinandersetzung mit Begriffen benötigen, die aus heutiger Sicht nicht mehr als politisch korrekt anzusehen sind, aber dies sollte auch immer im Kontext der Entstehungszeit eines Werkes passieren. Und ist es wirklich notwendig, Bücher einem sprachlichen und politischen Wandel anzupassen oder ist es nicht besser, im Vorwort fundierte Hinweise auf die Probleme zu geben und z.B. bei Büchern, die vorgelesen werden, alternative Begrifflichkeiten anzubieten? Wir fangen ja auch nicht an, lateinische Inschriften an Gebäuden zu entfernen und in Deutsch zu übersetzen, nur weil kein Mensch sie mehr versteht. Es kommt doch auch keiner ernsthaft auf die Idee Goethe, Gerhard Hauptmann oder Walther von der Vogelweide in ein “modernes Sprachkorsett” zu zwängen, oder? Wo fängt gesunder Menschenverstand an und ab wann sind Bücher einfach als nicht mehr “verkehrstauglich” zu bezeichnen? Geht es vielleicht auch oftmals nur noch darum, “Klassiker” als “neu und besser” zu vermarkten?


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9 Kommentare

  • outroupistache

    Sprachliche Überarbeitungen von Kinderbüchern gab es immer schon und es hat niemanden aufgeregt. Der Aufreger ist jetzt das Motiv der Überarbeitung, denn es riecht nach Sprachkontrolle und damit nach Gedankenkontrolle. Es ärgert das Feuilleton nicht, wenn bei Enid Blyton verschlagene Araber schönradiert werden aber wehe, jemand greift dem kleinen Wassermann zwischen die Flossen. In meiner langen Praxis gab es noch nie Reklamationen wegen sexistischer oder rassistischer Sprachverwendung, Trauma-Reklamationen sind hingegen ein Running Gag. Meine liebste Beschwerde ist die Tierschützer-Beschwerde bei einem Schlaraffenland-Bilderbuch und – ebenfall dort – die Trauma-Beschwerde hinsichtlich des expliziten Gebrauchs von Messer und Gabel in noch durchblutetem Schweinegewebe. Hat eigentlich schon jemand nach Mohammed-Abbildungen in Kindersachbüchern gefahndet? Dankbares Thema für kommende Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in der noch zu gründenden Bundes-Schrifttumskammer. Was niemanden interessiert, auch Bibliothekare nicht: Dass der Wortschatz in Johanna Spyris “Heidi” doppelt so umfangreich ist wie in einem Kinderbuch von Peter Härtling, der ja auch nicht gerade als Bibi-Blocksberg-Autor mit 74 Normseiten gilt. Pragmatischer Ansatz: Sollen sie Wörter doch austauschen, den Kram liest eh’ keiner mehr.

    • Dörte Böhner

      Hallo,

      danke für den Kommentar, vermutlich haben die anderen Verlage keine Werbung damit gemacht, dass dort Änderungen vorgenommen worden sind. Wenn man dann ein Buch das erste Mal liest oder nach sehr vielen Jahren wieder und solche Änderungen sehr behutsam vorgenommen worden, fällt es leider nicht auf. Und darin sehe ich sehr wohl eine Gefahr.
      Wovor wollen solche Menschen eigentlich die Kinder schützen? Wird der Sprachgebrauch in der alltäglichen Umgangssprache an Orten mit Kindern und unter den Kindern selbst auch überwacht und weichgezeichnet?
      Warum fand ich Heidi spannend zu lesen und viele andere Bücher ob Spyri, Uri, von Rhoden und wie sie alle hießen und hab mich bei modernen Jugendbüchern (1990er Jahre) häufig zu Tode gelangweilt gefühlt? Jetzt kann ich mir das etwas besser erklären. Interessante Geschichten leben eben auch davon, dass sie sprachlich interessant und vielfältig erzählt werden, ohne dass man dafür unbedingt brutalen Jugendslang oder Denglish benötigt.
      Sprachkontrolle und Bundes-Schrifttumskammer erinnert bösartig an Drittes Reich und DDR…

  • outroupistache

    Ich meinte nicht nur die politisch korrekte Anpassung von Blyton-Büchern, die durchaus publiziert wurde, weil Negativ-Reaktionen auf verdächtige Sprachverwendung kalkulierbar sind. Und so einem Geschäftsrisiko geht man gerne aus dem Weg.

    “Schon in den 80er Jahren, der ersten Hochblüte der politischen Korrektheit, verloren viele ihrer Bücher, weil angeblich zu “rassistisch” und “sexistisch”, ihren Stammplatz in Schulbibliotheken und Lektürekanons.” (Ein Artikel aus der Welt von 2006. Insofern stimmt meine o.a. Aussage nicht, zumindest ein Feuilleton hat sich doch bei Blyton geärgert: http://www.welt.de/print-welt/article226953/Politisch-korrekt-Enid-Blyton-wird-korrigiert.html)

    Ich meinte die Jugendbücher der 50er Jahre, die zum großen Teil “für die Jugend bearbeitete” Erwachsenen-Erzählungen waren: Tom Sawyer, Moby Dick, Robinson Crusoe, … Dresslers Kinder-Klassiker lassen grüßen. Niemand hat Anstoß daran genommen, denn die Motive waren Verständlichkeit und Heranführung. Dieses Mal ist das Motiv ein anderes, deshalb die Aufregung.

    Schauen wir uns eine ähnliche Diskussion bei den Erwachsenen-Romanen an, so ist der Simplicissimus ein etwas anders gelagerter Fall, weil hier auch das Motiv der Verständlichkeit unter Beschuss kommt und die grundsätzliche Problematik der Überarbeitung aufzeigt:

    Pro:
    http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article4280425/Jetzt-kann-man-Grimmelshausen-wieder-verstehen.html

    Contra:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/reinhard-kaisers-courage-uebersetzung-die-mutlosigkeit-der-neuen-courage-11050208.html

    Und nun der bibliothekarische Kommentar: Wir haben die “barocke” und die neue Ausgabe. Bibliotheksökonomisch sind beides keine Bücher sondern Lagerkosten.

    Contra:

  • Pingback: Gelesen in Biblioblogs (2.KW’13) « Lesewolke

  • ellebil

    Ich möchte hier mal Christian Fischer für mich sprechen lassen:
    http://www.jawl.net/frag-immer-den-der-unten-liegt/2013-01-19/

    • Dörte Böhner

      @ellebil Danke für den Hinweis auf diesen Beitrag von Christian Fischer, der auch in den Diskussionen sehr lesenswert ist. Ich habe in der Zwischenzeit noch viele andere Beiträge gelesen.

      @outroupistache Um vielleicht meine eigene Meinung zum obrigen Thema vielleicht nochmal klarer zu machen. Ich bin nie mit meiner Literatur allein gelassen worden. Kindergeschichten sind vorgelesen worden, aber sie sind auch entsprechend meines Alters ausgewählt worden. Wir haben darüber gesprochen und es war Teil meiner Erziehung, dass Probleme in dieser Literatur nicht verschwiegen wurden. Natürlich haben meine Großeltern und Eltern das kindgerecht gemacht und ich denke, sie haben auch den richtigen Zeitpunkt dafür genommen.

      Wer sagt, nicht jeder habe so gebildete Eltern und Großeltern wie ich, die darauf wert legen, Bücher mit ihren Kindern gemeinsam zu entdecken, der hat recht. Muss man diese Kinder aber vor “falschen” Begriffen in Büchern schützen? Ich lass die Frage mal offen, weil ich da für mich selbst keine Antwort weiß.

      Aus dem Anlass poltischer Korrektheit und Bedeutungsänderungen einen Text zu bearbeiten, das finde ich nach wie vor falsch, besonderns dann, wenn außer acht gelassen wird, in welchem Kontext und mit welcher “Annotation” der Begriff tatsächlich im Buch verwendet wird. Verständlichkeit ist der nächste Punkt. Hier muss sorgfältig abgewogen werden und dann bitte nicht ohne einen Hinweis im Buch.

      Wir haben kein Problem, dass in Büchern für Kinder, z.B. Nichts gewalttätige Handlungen vorkommen, aber über politisch unkorrekte Begriffe wie “Chinesenmädchen” wird sich tierisch aufgeregt. Es ist doch nur eine Frage der Zeit bis die “bissigen Blutsauger” & Co ebenfalls politisch nicht mehr en vogue sind. Die Frage ist vielleicht: Wieviel Mode müssen Kinderbücher mitmachen?

      Und ich habe mit meiner Meinung soviel Recht und Unrecht wie alle anderen auch. Es gibt natürlich keine allesentscheidende Wahrheit. Es ist nur meine Meinung.

  • Franka

    Bücher wurden und werden stets angepasst an sprachliche Entwicklungen. Das hat nichts mit sprachlichem Verfall zu tun. In den meisten Fällen dient dies dem Lesefluss und dem Verständnis – auch für Erwachsene. Natürlich kann man Freude für veraltete Sprache und Sentimentalität für selten gewordene Worte verspüren (Tornister, Unhold, Chaiselonge, Oheim, es gibt unermesslich viele!), aber das hat in meinen Augen wenig mit den nun aktuellen – offensichtlich rassistischen!! – Fällen in der Kinderliteratur von Lindgren und Preußler zu tun. Diese Klassiker der Kinderliteratur sind in einer Zeit entstanden, in denen Kolonialismus und Rassismus noch nicht lange her und mitunter noch gesellschaftlich akzeptiert waren. Gott sei Dank sind wir nun ein paar Jahrzehnte weiter und können unseren Kindern andere Werte vermitteln.

    Ich habe keine Kinder, aber es läge mir fern, ihnen Geschichten vorzulesen, in denen offensichtlich Menschen aufgrund ihrer Ethnie, ihrer Religion, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität herabgewürdigt werden (ich nehme hier bewusst Bezug auf geltende Gesetze). Ja. “Neger” ist ein herabwürdigendes Wort. Es verletzt. Es schließt aus. Es stigmatisiert. Es teilt Personen ein in würdige und unwürdige Menschen. Und das letzte was es innehat, ist “Charme” (in Bezug auf Ihre Überschrift).

    Wird in (Kinder-) Büchern der Oheim zum Onkel interessiert es niemanden, aber das Wort “Neger” soll doch schön erhalten bleiben? Also bitte!

    Ich möchte meinen Kindern also in erster Linie ein Buch vorlesen. Und ich möchte dabei zunächst nicht ausdiskutieren, warum der_die Autor_in ein so antiquitiertes und rassistisches Wort benutzt. Mit den *-ismen dieser Welt kommen Kinder sowieso früh genug in Berührung und bedürfen dann der Auseinandersetzung.

    Ich empfehle die Lektüre eines Briefes der kleinen Ishema, 9 Jahre, die sich damit an die Redaktion der “Zeit” wand, hier nachzulesen: http://derstandard.at/1358304356344/Ein-Brief-sagt-mehr-als-1000-Worte und bezug nimmt auf einen Artikel, der sich ähnlich positioniert wie Ihr Artikel hier. Wie immer in gesellschaftlichen Debatten zu diversen *-ismen werden die Stimmen der Betroffenen viel zu selten gehört.

    Rassismus hat auch nichts in öffentlichen Bibliotheken zu suchen. Solche Textversionen gehören in wissenschaftliche Bibliotheken zur Archivierung. Es geht nicht um Auslöschung von kulturellen Artefakten, die “Schere im Kopf” oder ähnlichem. Es geht um kindgerechte Literatur.

    • Dörte Böhner

      Hallo Franka,

      weil Dinge immer so gemacht wurden, sind sie nicht per se richtig. Also dieses Argument kann ich nicht gelten lassen. Und vielleicht bin ich sentimental, denn ich habe wo ich sie bekommen konnte, die Originalausgaben aus jener Zeit.

      Bücher geprägt durch ihre Entstehungszeit sind nicht per se rassistisch, weil Begriffe darin vorkommen, die heute nicht mehr so verwendet würden und als politisch unkorrekt gelten, sondern sie werden durch heutige Denkungsweisen dazu abgestempelt. Also bitte unterstellt daher nicht einfach Astrid Lindgren oder Preußler rassistische Motive. Damit schießt man über das Ziel hinaus. Diese Begrifflichkeiten waren in ihrer Zeit nicht mit dem belegt, was man da häufig heute hineinpackt.

      Gott sei Dank sind wir nun ein paar Jahrzehnte weiter und können unseren Kindern andere Werte vermitteln.

      Dann sucht dafür doch bitte auch die entsprechende Literatur heraus! Dafür muss ich keine “Klassiker” verwenden.

      Wenn ich Kindern Werte der Jetztzeit vermitteln will, sollte ich entsprechend Bücher der Jetztzeit verwenden. Heidi, Nesthäckchen und Trotzkopf zeichnen ein Mädchenbild, dass heute eher als antiquiert zu bezeichnen ist, auch wenn in neueren Fassungen Bereinigungen der Sprache vorgenommen wurden. (Natürlich kommen den Erziehenden dort vermittelte Werte ganz bequem entgegen.) Wenn es keinen interessiert, ob Oheim oder Onkel, Neger oder Südseeeinheimischer dort steht, warum gibt es dann diese Diskussion?

      Der Brief von Ishema ist lesenwert und geprägt durch eine aufgeheizte Mediendebatte aber nicht durch die Bücher an sich. Er macht nachdenklich, nicht über das Problem der Veränderung von Begriffen, sondern über die Scheinheiligkeit mit der aufgrund dieses Briefes behauptet wird, dass damit der Rassismus ausgemerzt wird. Ich fürchte, der wird eher auf andere Begrifflichkeiten verlagert, wenn kein Umdenken, Erinnern und Dazulernen in unserer Gesellschaft passiert.

      Was passiert, wenn wir das ganze konsequent weiterdenken. Alle rassistisch zu verstehenden Begriffe wurden ausgemerzt, aus einem Chinesenmädchen wurde meinetwegen eine Lotusblüte… Nachdem wir also alle unliebsamen Begriffe aus den Büchern entfernt haben, müssen wir als nächstes für eine Gendergerechtigkeit sorgen. Warum ist Peter Pan ein Junge und die kleine Hexe ein Mädchen? Werden dadurch nicht geschlechterspezifische Vorurteile überstrapaziert? Brauchen wir jetzt je nach Kind dann nicht eine Übertragung in die jungen- oder mädchenspezifische Variante? Oder müssen wir letztlich Geschlechter ganz vermeiden, weil sie letztlich auch als diskriminierend einer ganzen Personengruppe angesehen werden könnten?

      Und nochmal dazu: Ich habe mit meiner Meinung soviel Recht und Unrecht wie alle anderen auch. Es gibt natürlich keine allesentscheidende Wahrheit. Es ist nur meine Meinung, eine unter vielen.

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