Diskussion um Nichtnutzerstudie des DBV

Die Nichtnutzertudie sollte uns weiterbringen bei der Frage, warum die Bibliotheken und hier insbesondere die Öffentlichen Bibliotheken nicht genutzt werden. Derzeit poppt zudem eine Diskussion über das methodische Vorgehen bei dieser Studie auf. Ursache ist der Artikel von Frau Nikolaizig et al.1

Herr Philipp Maass möchte diese Diskussion in eine breitere Öffentlichkeit tragen, aus folgendem Grund:

Mir ging es um die Methodik der Studie und die damit einhergehende Diskussion inwieweit ich mich auf Ergebnisse, die vom DBV publiziert werden, verlassen kann. Das war für mich das Schockierende.

Diese Besorgnis lässt sich mit den von Herrn Rogge vorgebrachten Argumenten nicht entkräften, im Gegenteil. Rogge geht davon aus, dass die Qualität der kommunalen Diskussionen nicht besonders hoch ist und man sich dort nicht mit der Studie beschäftigt.

Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass über Bibliotheken auf der Grundlage eigener persönlicher Einschätzungen und Erfahrungen der politischen Entscheidungsträger diskutiert wird? Da ist die Grundgesamtheit der Befragten oft = 1, nämlich die der eigenen Tochter, eines Bekannten oder der eigenen Erlebnisse aus der Studienzeit.

Gerade dann sollten wird sicher sein, dass wir die Qualität dieser Diskussion heben können. Wer die Argumente nachprüfen will, kann das dann nämlich tun.

Schade, dass die Bibliothekswelt dazu neigt, sich um die eigene Argumentationskraft zu bringen.

Eine wissenschaftlich fundierte Studie sorgt für Sicherheit in der eigenen Diskussion. Nur wenn wir mit fachlich fundierten Argumenten unsere Positionen vertreten, können wir sicher sein, dass diese nicht zum schwächsten Glied der Lobbyarbeit werden. Was nützt uns eine unhaltbare Studie, wenn wir damit letztlich als „unfachlich“ disqualifiziert werden?

Schwierig in der Diskussion ist, dass man in der Studie sehr rasch als eine reine Lobby-Arbeits-Diskussions-Maßnahme wahrnimmt. Sollten jedoch solche Studien nicht gerade deshalb gemacht werden, um die eigenen Schwächen im System/in der täglichen Arbeit sichtbar zu machen, um hier ggf. gegensteuern zu können?

Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverband e.V. und Dr. Simone C. Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen reagieren in einer veröffentlichten Stellungnahme auf die Kritik.

Auf Inetbib bedauert Schleienhagen in ihrer Antwort auf Maass:

Wir bedauern, dass die Autorinnen der HTKW gerade zu solchen Fragen den wissenschaftlichen Diskurs nicht gesucht haben. So kann man sich beispielsweise auch durchaus gewinnbringend fachlich darüber auseinandersetzen, ob Tests auf statistische Repräsentativität von Ergebnissen sinnvoll sind, wenn man mit einer Studie Teilgruppen vergleichen, nicht aber Aussagen über die Gesamtbevölkerung machen möchte.

Wann ist Kritik angebracht? Darf sie in einem öffentlichen/schriftlichen Rahmen stattfinden? Ist das nicht der Ausdruck einer aktiven Fachgemeinschaft?
An der Stelle kann man eigentlich nur Plieningers Antwort dazu zustimmen:

Nun, der wissenschaftliche Diskurs muss nicht notwendigerweise privat erfolgen, sondern findet ja in der Öffentlichkeit statt, damit andere auch Stellung dazu beziehen bzw. sich einen Eindruck machen können.

Ich vermisse oft, dass öffentlich kritisch hinterfragt wird. Sachlich fundiert und wissenschaftlich ausgefochten, sind die Mehrwerte für alle Beteiligten ein Gewinn und sollte nicht dazu führen, dass nun keiner mehr sich traut, Probleme aufzugreifen und anzugehen. An manchen Stellen sind Fehler und somit ein „Scheitern“ gewinnbringender als ein glattgebügeltes Ergebnis. Es ist gut, dass diese Studie jetzt von verschiedenen Seiten beleuchtet und hinterfragt wird.

Doch es wäre unzureichend, nur die derzeit aktuell laufende Diskussion hier wiederzugeben. Allerdings war die inhaltliche Aussagekraft bereits kurz nach der Veröffentlichung schon als oberflächlich kritisiert worden. Karsten Schuldt hat bereits damals das methodische Vorgehen der Studie hart kritisiert und kommt dabei letztlich zum Schluss:

Diese Studie zumindest hilft dem Bibliothekswesen nicht weiter. Sie lenkt eher von den tatsächlich wichtigen Fragen ab, die da, wie gesagt lauten:

  • Wen wollen wir eigentlich womit erreichen? Wie viel ist für Bibliotheken viel?
  • Wie können Bibliotheken für Nichtnutzende relevant werden? Relevant, indem sie zu ihrem Leben positiv beitragen, nicht bekannt, weil sie eine dufte Werbung machen.

Auch meine Kritik 2 sehe ich in der Auswertung durch Nikolaizig & Co bestätigt.
Mai 2012 beschäftigte sich auch Liane Haensch sich kurz mit dieser Studie in den Stimmen auf Plan3t.info.

Schade nur, sollte die aktuell angestoßene Diskussion wieder in wirre Oberflächlichkeiten versanden, wie Susanne Drauz anmerkt3, und wir uns nicht generell darüber Gedanken machen, wie methodisch fundierte Studien die Arbeit des DBV unterstützen und befruchten können. Ist hier eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Hochschulen möglich? Wie können Studien ergebnisoffen angelegt und interpretiert werden? Welchen Aufwand kann ein Verband überhaupt betreiben? Oder ist es gar sinnvoll, solche Studien an fachfremde Experten in der Erstellung von Studien zu vergeben?

Wie stellen wir uns einen (wissenschaftlichen) offenen Diskurs in der Bibliothekssparte eigentlich vor? Ich gewinne zunehmend den Eindruck, es geht darum, in den eigenen Institutionen möglichst nicht zu kritisch zu sein, nach Außen mehrheitlich konform mit Entscheidungen von Verbänden und Institutionen zu wirken und Probleme tot zu schweigen. Sind wir wirklich so? Ist das die Zukunft der bibliothekarischen Zunft?4

Quellen:
Zur von Philipp Maass angestoßenen Diskussion auf Inetbib: [InetBib] Studie „Wissen wir tatsächlich mehr? – Aussagewert – Artikel BuB
Plieninger, Jürgen: Nichtnutzerstudie, Netbib
Plieninger, Jürgen: “Handlungsempfehlungen, die man immer macht”, Netbib, 01.05.2012
Schuldt, Karsten: Marketingdenken statt Problembewusstsein? : eine kurze Polemik zur „Nichtnutzungsstudie“ des dbv, Bibliotheken als Bildungseinrichtungen, 30.04.2012

 

Fußnoten

  1. Gedruckte Form: Daniela Hoffmann, Andrea Nikolaizig, Helag Tecklenburg und Martina Werder, welcher unter dem Titel „Zum Aussagewert der Studie ‚Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland‘ / Eine kritische Betrachtung“ in der BuB 65(2013)04, S. 296-299. []
  2. „Recht schnell entsteht hier der Eindruck, dass die erhobenen Daten in bunte Bilder verpackt worden sind, die wiederum notdürftig und überschnell interpretiert werden. Dabei ist das Ergebnis ganz offensichtlich bereits im Vorfeld feststehend, wie die zum Teil oberflächlich hingeworfenenen, Allgemeinplätzen gleichenden Handlungsempfehlungen für Öffentliche Bibliotheken zeigen (…)“ []
  3. „Das dritte spannende Moment in der “Diskussion” auf inetbib ist doch darüber hinaus, dass garnicht über das diskutiert wird, was zur Diskussion steht, oder? Man schmeißt Selbstdarstellungsbrocken in die Liste und damit ist die Angelegenheit erledigt. []
  4. Ich weiß, dass dies überspitzt ist. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die sich engangiert mit diesen Problemen auseinander setzen, aber ihre Ausstrahlung in das bibliothekarische Selbstverständnis und das der dazugehörigen Institutionen ist eher gering. []

Creative Commons Attribution 3.0 Germany This work is licensed under a Creative Commons Attribution 3.0 Germany.


Ähnliche Beiträge

Kritik an der Nichtnutzerstudie des DBV

Dies ist eine redaktionell bearbeitete Arbeitsfassung des Textes von Daniela Hoffmann, Andrea Nikolaizig, Helag Tecklenburg und Martina Werder, welcher unter dem Titel „Zum Aussagewert der Studie ‚Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland‘ / Eine kritische Betrachtung“ in der BuB 65(2013)04, S. 296-299 erschienen ist, aber noch nicht online zu lesen ist. Diesen Beitrag veröffentliche ich hier auf Anregung von Herr Philipp Maass und mit Genehmigung durch Frau Nikolaizig.
Der Text soll auch jenen als Diskussiongrundlage zur Verfügung stehen, die die aktuelle BuB nicht beziehen, um so aktiv in die Diskussion um diese Studie und die vorgebrachte Kritik einsteigen zu können.
Eine Zusammenfassung der Diskussion wurde zeitgleich auf Bibliothekarisch.de veröffentlicht.

Wissen wir tatsächlich mehr?

Zum Aussagewert der Studie „Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland“

Im April 2012 veröffentlichten der Deutsche Bibliotheksverband (DBV) und die Stiftung Lesen begleitet mit intensiver Pressearbeit1 die Ergebnisse der repräsentativen Telefonbefragung  „Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland“2.  Aus der Perspektive von Lehre und Studium eine komfortable Situation, denn so konnten Studierende im Modul Bibliotheksmarketing  am Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) an einem aktuellen fachspezifischen Beispiel die zuvor im Modul Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Schwerpunkt empirische Untersuchungen angeeigneten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten anwenden. Die Studierenden sollten im Seminar das Untersuchungsdesign einschließlich Fragebogen sowie die Ergebnisse der Studie einschließlich Interpretation reflektieren. Von den Erkenntnissen der ausführlichen und differenzierten Beschäftigung mit den Untersuchungsmaterialen Chartberichte Langfassung3 und Anhang4  sowie dem Interviewleitfaden5 waren alle Beteiligten sehr überrascht. Die Autorinnen des Aufsatzes, zwei Studierende und zwei Lehrende, entschlossen sich deshalb, der Fachöffentlichkeit mit diesem Beitrag ausgewählte Erkenntnisse6  über die Aussagequalität der inzwischen vielzitierten Studie mitzuteilen.

Nutzer und Nichtnutzer

Liest man den Untertitel der Studie, stellt sich als erste Frage die nach der oberen Altersbegrenzung der Probanden bei 75 Jahren7: War das Untersuchungsdesign tatsächlich altersausschließend angelegt8 oder war die /der älteste Befragte diesen Alters? Die zweite Frage ist eine terminologische: Unter Zuweisung eindeutiger Merkmale unterscheidet die bibliothekarische Fachwelt Benutzer und Besuche(r)9. Die Studie arbeitet jedoch mit den Begriffen „Nutzer und Nichtnutzer“, ohne diese eindeutig zu klären. Wurde das Begriffspaar als übergeordnete Begriffskategorie für die Summe der Besucher und Benutzer eingeführt? Die nachzulesenden Definitionen bergen mit ihren unterschiedlichen Beschreibungsmerkmalen Widersprüche10. „Nutzer“ sind laut Studie Besucher und /oder Benutzer, die einmal in den letzten zwölf Monaten physisch vor Ort waren oder Benutzer (Besucher), die in den letzten zwölf Monaten Bibliotheksdienste persönlich in Anspruch genommen haben. „Ehemalige Nutzer“ sind hingegen Besucher und /oder Benutzer, die vor über einem Jahr einmal physisch vor Ort waren ohne das Merkmal Inanspruchnahme von Dienstleistungen. Obwohl zwei grundsätzlich verschiedene Fragen gestellt werden, reduziert die Auswertung des „Nutzer-/ Nichtnutzer-/ ehemalige Nutzer-verhaltens“  ausschließlich auf das Merkmal in den „letzten 12 Monaten, davor oder noch nie in einer öffentlichen Stadtbibliothek oder Gemeindebücherei gewesen zu sein“.11

Was hier wie kleinliche Diskussion anmutet, ist der Anspruch an fachliche Präzision, denn uneindeutige Definitionen oder fachfremde Begriffe beleben die Gefahr der Fehlinterpretation, mindern die Qualität der Ergebnisse und verstellen die Möglichkeit eines Vergleichs mit ähnlichen Studien.

Repräsentativität

Wie viele Probanden wurden tatsächlich befragt? 1.301 wie auf der Titelseite des Chartberichtes12  und im Untersuchungsdesign13 oder 1.300 wie in der Pressemitteilung des DBV14  zu lesen?

Die postulierte Repräsentativität15  im Sinne einer verkleinerten Abbildung der gesamten Bevölkerung Deutschlands, vermutlich mittels Quotenauswahlverfahren16, von 1.301 Befragten ist anzuzweifeln.

Die Stichprobe dürfte lediglich bei jeweils separater Betrachtung der Merkmale Geschlecht, Alter, Bildung, Konfession, Migrationshintergrund und Einwohneranzahl der Heimatgemeinde näherungsweise ein verkleinertes Abbild der Gesamtbevölkerung liefern17. Da die genannten Merkmale voneinander abhängig sind, ist auf dieser Basis die mit dem Begriff „repräsentativ“ suggerierte Verallgemeinerungsfähigkeit der erzielten Ergebnisse nicht gegeben.

Des Weiteren sollte bei zu geringer Probandenanzahl einer Teilgesamtheit auf deren detaillierte statistische Auswertung verzichtet werden. Insbesondere sind separate Auswertungen zu den (Nicht-)Nutzertypen Wechsler (64 Probanden)18 und Stadt/-Gemeindebibliotheksferne (39 Probanden)19 höchst fragwürdig. Brisant wird es, wenn aus den Antworten von 51 Probanden20  sogar Handlungsempfehlungen „zur (Wieder-)Gewinnung von 14 bis 19-Jährigen Nichtnutzern“ abgeleitet werden21.

Eigene Nachrechnungen22  ergaben zudem, dass die Antworten von lediglich 1.280 Probanden in die Auswertung einbezogen wurden, nicht die von 1.301 Befragten23Rundungsungenauigkeiten insbesondere auf den Folien 27 bis 31 des Chartberichtes24 führen zu merkwürdigen Ergebnissen; Beispiel Auswertung der Frage „Assoziationen mit  öffentlichen Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien“25:  Es ist augenscheinlich, dass u.a. 50 und 51 Prozent, 43 und 56 Prozent oder 54 und 48 Prozent jeweils keine 100 Prozent ergeben.

Für die Darstellung der Ergebnisse wurden Stapelbalken-Diagramme verwendet26, die als Summe zwischen 98 Prozent und 101 Prozent ausweisen. Ist erstere Zahl auf fehlerhafte Berechnung, korrekterweise 1280 statt 1301 Probanden bei Herausnahme der Probanden, die zum Merkmal Nutzertyp keine Angabe gemacht haben, oder auf fehlende Prüfung der Nachkommastellen zurückzuführen?

Im Kontext der Ungenauigkeiten ist wohl die unzulässige Überschneidung der zwei Altersgruppen der zwischen 14 – 29Jährigen bei 20 Jahren in der Strukturdarstellung der Stichprobe27 nur als Schreib- und nicht als methodischer Fehler zu werten.

Fragen und Antworten

Die zu stellenden Fragen einer empirischen Datenerhebung werden aus ihren Zielen  entwickelt, ihre Qualität sichert den Aussagewert28 der Untersuchung. So muss sich die Fragequalität der „Nichtnutzerstudie“ am definierten Ziel messen lassen:

„… die vorliegende Studie (liefert) detaillierte, empirisch fundierte und flächendeckende Erkenntnisse über die Gruppe der Nichtnutzer und deren Gründe für die Nichtnutzung von öffentlichen Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien.
Die Studie analysiert und segmentiert die Gruppe der Nichtnutzer und bildet damit die Grundlage für eine zielgruppenspezifische Ansprache der Nichtnutzer. Die vorliegende Untersuchung gibt Hinweise darauf, welche Maßnahmen der Neu- und Wiedergewinnung von Bibliothekskunden für welche Nichtnutzer-Typen erfolgsversprechend erscheinen und praktisch erprobt werden sollten, wie Kommunikationskonzepte aufgebaut sein müssen und Kampagnen geplant werden müssen.“29

In den Telefoninterviews stellte man den Nutzern maximal 40 Fragen, den ehemaligen Nutzern und den Nichtnutzern maximal 56 Fragen, wovon jeweils 14 Fragen solche zur Person waren. Es wurde u.a. mit verschiedenen Fragetypen von Imagebefragungen gearbeitet30, z.B. dem Semantisches Differenzial31, mit Bewertungsfragen32  und Analogienbildung33. Mit Ausnahme von drei offenen Fragen wurden Probanden Antwortmöglichkeiten zur Auswahl vorgetragen, die zwangsläufig ein definiertes Bild von Bibliotheken vorgeben. Es ist festzustellen, dass die Antwortvorgaben manchmal unausgewogen im Sinne von sich überschneidenden Klassen34 sind,  eine bestands- und ortbezogene Sicht auf Bibliothek präferieren, stereotype Klischees bedienen und Nichtnutzer über Dinge urteilen lassen, die diese nicht kennen können. Dazu wenige, jedoch gravierende Belege:

Das Semantische Differenzial stellt Begriffspaare gegenüber35, die mit ihren Extremen ein Bild Öffentlicher Bibliotheken vordefinieren. Es besteht die Gefahr, dass die Befragten beeinflusst werden und sich ein zu erwartendes, stereotypes Bild der Nichtnutzung in den Ergebnissen der Studie niederschlägt. Befragte tendieren zwangläufig zum Positiveren, weil negative Extreme aufgemacht werden, die wohl jeder Erfahrung entbehren36.

Nichtnutzern37 werden telefonisch 27 (!)  mögliche Gründe für ihre Nichtnutzung vorgelesen, die sie mit einer  aus fünf Kategorien38 bezüglich des Zutreffens bewerten sollen. Wie glaubhaft und wie zielführend sind Beurteilungen von Menschen, die noch nie in einer Bibliothek waren, über solche, noch dazu suggestiven Qualitäten wie für u.a. diese: Das Angebot der Bibliothek ist veraltet. Die Medien, die mich interessieren, sind nicht vorhanden. Die Räumlichkeiten sind unattraktiv. Ich habe mit der Bibliothek schlechte Erfahrungen gemacht. Die Mitarbeiter/innen in der Bibliothek wissen nicht richtig Bescheid. Die Mitarbeiter/innen in der Bibliothek sind unfreundlich. Der Zustand der Bücher und Medien ist schlecht39.

Es wurde auch eine offene Frage zur Nichtnutzung gestellt, deren Auswertung vermutlich von Aussagewert wäre, ihre Auswertung wurde leider nicht veröffentlicht.

Die Fragen zu Gründen der Nichtnutzung erweisen sich als oberflächlich. Sie bieten nicht das Instrumentarium, um Strategien für Kundenneugewinnung und den Aufbau von Kommunikationskonzepten  zu entwickeln. Nichtnutzer werden nicht wirklich nach ihren Informations- und Kommunikationspräferenzen gefragt.

Interpretation

Einige Auswertungen und Interpretationen lösen Verwunderung aus. Frage 7 („Jetzt hab ich mal eine ganz andere Frage. Welche Farbe kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an eine öffentliche Stadtbibliothek oder eine Gemeindebücherei denken?“) ist eine spontan-assoziative Frage, wie sie im Zusammenhang mit Milieuermittlungen gern gestellt wird. Die Farbnennung kann sehr unterschiedliche Gründe aus den Gefühls- und Erfahrungswelten von Menschen haben.
In diesem Kontext versteht man zunächst die Hervorhebungen der Farben Grau, Braun und Gelb40 im Chartbericht nicht. Auf den zweiten Blick wird klar, dass die Interpretation die scheinbar negativen Farbassoziationen methodisch falsch auf  räumliche Farbeindrücke reduziert verbunden mit der Handlungsempfehlung, Bibliotheken müssten eine helle Raumanmutung haben. Diese Interpretation lässt die Fragestellung gar nicht zu. Untersuchungen für verkaufspsychologische Konzepte41 sprechen zudem eine andere Farbsprache, sie zeigen, dass sich die Assoziation „sicher, behaglich“, die generell für Verkaufsumfelder als geeignet empfohlen wird, nicht nur mit der Farbe Blau, sondern auch mit Grün und Braun erreicht werden kann. Das könnte so doch auch für Bibliothekskunden42 gelten. Die Farbfrage beantworten im Übrigen 103 (!) Prozent „ehemalige Nutzer“, 103 (!) Prozent „Nichtnutzer“, der Anteil der Nutzer / Sonstiges ist nicht genannt43 .

In einigen Grafiken werden Sachverhalte, die man für prägnant oder dominierend hält, optisch besonders hervorgehoben. Die Auswertung des Semantischen Differenzials über gefühlte  Assoziationen44 zeigt ein zahlenmäßig beinahe ausgeglichenes Verhältnis positiver und negativer Eindrücke an. Jedoch wurden bei „ehemaligen Nutzern“ und „Nichtnutzern“ Zahlen hervorgehoben, die das Bild suggerieren, diese Gruppen verbinden eher negative Eindrücke mit Bibliotheken. Wünschenswert wäre eine aussagekräftige Analyse mittels Kontingenzkoeffizienten.

Handlungsvorschläge

Ein großer Teil der Dokumentation beschäftigt sich mit Handlungsrelevanzen45, die alle aus der Befragung abgeleitet und daraus begründet werden wollen. Viele davon gehen nicht über bereits bekannte Vorschläge und Empfehlungen wie z. B. Bibliotheken ´93 hinaus bzw. fassen Diskussionen in der Fachwelt zusammen46.  Einige stehen unter dem Motto „Von allem mehr“47: Mehr Computer / W-LAN; Mehr Musik auf CDs, DVDs; Mehr Filme auf DVDs mit hoher Handlungsrelevanz. Woher wissen Nichtnutzer, dass es in den Bibliotheken diese Angebote und davon zu wenig gibt?

Widersprüchliches Empfinden rührt sich beim Lesen der  „präventiven Maßnahmen“ zur Bibliothekssozialisation. Die Studie setzt ihren Schwerpunkt bei der Ansprache von 14- bis 19-Jährige Nichtnutzer auf elektronische Angebote. Damit tritt der physische Ort der Benutzung in den Hintergrund. Es stellt sich die Frage, inwiefern diese „zukunftsweisende“48 Zielgruppe als Elterngeneration befähigt sein wird, das Leistungsspektrum Öffentlicher Bibliotheken für Freizeit, Kultur, Bildung an die Folgegeneration weitergeben zu können.

Ganz unstrittig zu teilen ist die Empfehlung, dass man immer daran arbeiten kann, die Realsituation (zu) verbessern (wo notwendig)49 und „auch weiterhin ein professionelles Marketing für die vielfältigen Angebote unserer modernen Öffentlichen Bibliotheken [notwendig] ist50. Das wissen die Kolleginnen und Kollegen in den Bibliotheken, die ihre elektronischen Angebote erweitern, Öffnungszeiten ausdehnen und modernste Technik vorhalten wollen. Sie wissen nur nicht wie, weil sie gleichzeitig z.B. mit Haushaltskonsolidierungen beschäftigt sind oder als gestandene Einzelkämpfer keine Ressourcen zur Weiterbildung haben.

In der Tat wäre ein belastbares Material eine gute Grundlage für die Diskussion mit politischen Entscheidungsträgern. Nur liefert die Studie aufgrund der ungestellten Fragen und ihrer handwerklichen Ungenauigkeiten bedauerlicherweise kein „zitierfähiges Zahlenmaterial, das für eine überzeugende politische Argumentation auch auf lokaler Ebene unabdingbar ist“51.

Dass die Argumentation mit einer geringen durchschnittlichen Marktdurchdringungsrate von 29 Prozent52 verbunden mit der Forderung nach „Mehr“ gegenüber politischen Entscheidungsträgern auf lokaler Ebene überzeugend sein könnte, erschließt sich nicht, diese könnte sogar eher kontraproduktiv sein.


Autorinnen

Daniela Hoffmann und Martina Werder
Studentinnen im 3. Fachsemester Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig
mwerder [at] yahoo.de

Prof. Dr. phil. Andrea Nikolaizig
Lehrverantwortliche für die Module „Bibliotheksmarketing“ und „Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ an der Fakultät Medien der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
nikolaiz [at] fbm.htwk-leipzig.de

Prof. Dr. rer. nat. habil. Helga Tecklenburg
Lehrverantwortliche für den Teil „Beschreibende Statistik“ im Modul „Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft“
Fakultät Informatik, Mathematik, Naturwissenschaften an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
tecklenb [at] imn.htwk-leipzig.de

Anschrift alle
Hochschule für Technik, Wirtschaft  und Kultur Leipzig
Fakultät Medien, Prof. Nikolaizig
Postfach 30 11 66
04251 Leipzig
 

Fußnoten

  1. Pressemitteilung s. http://www.bibliotheksverband.de/dbv/presse/presse-details/archive/2012/april/article/bibliotheksnutzung-im-kindesalter-praegt.html?tx_ttnews[day]=26&cHash=4fb9ec2ba6, zuletzt gesehen am 28. 01. 3013 und Pressespiegel des DBV, zur Verfügung gestellt von der dbv-Geschäftsstelle []
  2. Studie: Ursachen und Gründe zur Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland (Langfassung) http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/DBV/projekte/2012_04_26_Ursachen_und_Gr%C3%BCnde_zur_NN_lang.pdf, zuletzt gesehen am 28. 01. 2013 []
  3. a.a.O. []
  4. http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/DBV/projekte/Nichtnutzungsstudie_Anhang.pdf, zuletzt gesehen am 28. 01. 2013 []
  5. von der dbv-Geschäftsstelle zur Verfügung gestellt []
  6. Der vollständige Text Hoffmann, Daniela; Werder, Martina: Die Studie „Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung öffentlicher Bibliotheken“ 2012: Untersuchungsdesign, Ergebnisse, Interpretation.- Leipzig, Hausarbeit im Modul Bibliotheksmarketing, März 2013. – unveröffentlichtes Material wird auf Anfrage bereitgestellt, die Veröffentlichung ist in Vorbereitung. []
  7. Studie… (Langfassung)… a.a.O., Titelblatt (Folie 1) []
  8. ebd. Folie 6 []
  9. http://www.bibliotheksstatistik.de/eingabe/fbarchiv.php []
  10. Studie… (Langfassung)… a.a.O., Folie 10 und Folie 13 []
  11. a.a.O. und Interviewleitfaden []
  12. a.a.O., Titelseite (Folie 1) und Studie… (Anhang), Folie 2 []
  13. Studie… (Anhang), a.a.O., Folie 2 []
  14. http://www.bibliotheksverband.de/dbv/presse/presse-details/archive/2012/april/article/bibliotheksnutzung-im-kindesalter-praegt.html?tx_ttnews[day]=26&cHash=4fb9ec2ba6, zuletzt gesehen 28. 01. 2013 []
  15. Studie… (Langfassung) … a.a.O., Titelblatt (Folie 1) []
  16. Ob ein Quotenauswahlverfahren als Stichprobenverfahren Anwendung fand, lässt sich nur vermuten. Das Verfahren wird nicht benannt, im Anhang zur Studie ist lediglich die Randverteilung aufgeführt. []
  17. Studie… (Anhang), a.a.O. Folie 2 []
  18. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 43 und 56; Studie…(Anhang), a.a.O., Folien 46 – 55 []
  19. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folien 43 und 56; Studie… (Anhang), a.a.O., Folien 63 – 71 []
  20. Eigene Berechnung Datenbasis Studie: Wenn 102 Probanden der Altersgruppe 14 bis 19 Jahre stellvertretend für 8 Prozent der Bevölkerung stehen, wie auf Folie 2 des Anhangs angegeben wurde, dann entsprechen den auf Folie 59 (Langfassung) ausgewiesenen 4 % der Gesamtbevölkerung lediglich 51 Nichtnutzer zwischen 14 und 19 Jahren. []
  21. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folien 57 – 60 []
  22. ausführlich Hoffmann, Daniela; Werder, Martina… a.a.O. []
  23. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 10: Die 1.301 Probanden umfassen auch 2 Prozent (n=21) von jenen, die „keine Angaben“ gemacht haben und demnach „in der weiteren Analyse nicht beachtet [werden].“ []
  24. a.a.O., Folien 27 bis 31 []
  25. a.a.O., Folie 28 []
  26. a.a.O., Folien 30 und 31 []
  27. Studie… (Anhang), a.a.O., Folie 2 []
  28. Faulbaum, Frank; Prüfer, Peter; Rexroth, Margit: Was ist eine gute Frage? : die systematische Evaluation der Fragenqualität. – 1. Aufl. – Wiesbaden : VS, Verl. für Sozialwiss., 2009. – ISBN 978-3-531-15824-2 []
  29. Studie…(Langfassung), a.a.O., Folie 5 []
  30. Faulbaum, Frank, a.a.O. []
  31. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folien 27 – 29 []
  32. a.a.O., Folie 30 und 31 []
  33. a.a.O., Folie 25 []
  34. Besonders die Antwortalternativen zur Frage nach der Freizeitgestaltung, s. dazu Studie… (Anhang), Folien 18 bis 22 und zur Frage nach den Themen-Interessen, s. ebd. Folien 16 und 17 verstoßen gegen Fragetechniken. []
  35. hell-dunkel, einladend-abschreckend, kalt-warm, streng-locker, eng-weit, muffig-frisch… s. Studien… (Langfassung), a.a.O., Folien 27 bis 29 []
  36. Faulbaum, Frank… a.a.O. []
  37. Frage F16b Interviewleitfaden und Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 32 ff. Dasselbe Frageraster wurde auch an ehemalige Nutzer gestellt, Frage F 16a. []
  38. trifft voll und ganz zu, trifft eher zu, trifft eher nicht zu, trifft gar nicht zu, ich weiß nicht []
  39. Interviewleitfaden und Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 32ff. []
  40. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 26 []
  41. vgl. u.a. Bänsch, Axel: Verkaufspsychologie und Verkaufstechnik / Axel Bänsch. – 5., überarb. und erw. Aufl. – München : Oldenbourg, 1993. – ISBN 3-486-22630-4. []
  42. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 5 wird der Begriff Bibliothekskunde eingeführt []
  43. ebd., Folie 26 []
  44. ebd. Folien 24, 27 und 28 []
  45. ebd. ab Folie 52 []
  46. ebd. Folie 64 []
  47. ebd. Folie 52 []
  48. ebd. Folie 58 []
  49. ebd. Folie 64 []
  50. Schleihagen, Barbara: Ursachen und Gründe der Nichtnutzung von Bibliotheken. – In: BuB 64(2012)7-8 []
  51. ebd., S. 517 []
  52. In den meisten Kommunen liegt sie weit darunter, s. Deutsche Bibliotheksstatistik a.a.O. []

Ähnliche Beiträge

Fingerkunst

Eine nette Buchwerbung 🙂

Let’s Make some Great Fingerprint Art from Marion Deuchars on Vimeo.

Das Buch gibt es hier.


Ähnliche Beiträge