Ein DRM-Unverständnis-Grummel-Posting (ein kleiner Rant)

Und gleich ein Disclaimer vorneweg: Dieses Posting ist nicht vollständig zuende durchdacht und beinhaltet nur einige Aspekte, diesmal aus der Anti-DRM-Sicht. Eine andere Sicht habe ich im ersten Teil Ein (kleines) DRM-Missverständnis-Grummel-Posting veröffentlicht. Heute gibt es mal die andere Richtung, damit Oliver Flimm nun nicht völlig entsetzt bleibem muss, dass von bibliothekarischer Seite her jemand findet, dass bei DRM alles halb so schlimm ist. Daher ziehe ich das Posting mal vor, das eigentlich für nächste Woche geplant war.

Hartes DRM, weiches DRM – vieles ist ein Risikospiel für Verlage, Bibliotheken und Nutzer.
Nur noch Lizenz statt Eigentum. Je mehr rechtlich digital festgelegt werden kann, desto eher sind Inhalteanbieter dabei, ihr Eigentum bei sich festzuhalten und eine Nutzung nur noch zu ihren Bedingungen zuzulassen. Auf Dauer besteht hier die Gefahr, dass unliebsame Kundengruppen ausgeschlossen werden, z.B. Bibliotheken, die gerne Ihren Nutzern einen Zugang zu den Inhalten gewähren wollen. Sollten hier Content-Konzerne dauerhaft über die gesamte Zeit die Art der Benutzung bestimmen können, sind Meinungsfreiheit und die Wissenschaft ernsthaft gefährdet. Open Access als Alternative wird im wissenschaftlichen Bereich dann auch immer unausweichlicher – publish oder perish, wobei es besser heißt, veröffentlichen und zugänglich bleiben. Bleiben bei Wissenschaftspublikationen dann die Verlage dauerhaft außen vor? Möchten sie durch DRM ihre eigenen Märkte topedieren?

Öffentliche Bibliotheken sollen u.a. auch all jenen Zugang zu Informationen gewähren, die aus eigenen finanziellen Mitteln diesen nicht aufrecht erhalten können. Werden Bibliotheken durch Lizenzen, DRM-Kosten und dergleichen abgehalten, dieser Aufgabe nachzukommen, ist dies ebenfalls ein großer Schaden für die Meinungsfreiheit in deutschen Landen und ein weiteres Armutszeugnis für Verleger und Bibliotheken, die häufig nichts dafür können.

Kreativ gedacht sind Angebote wie Onleihe oder Ciando wohl kaum, wenn die Benutzbarkeit nur schwer möglich ist. Warum versucht ihr krampfhaft alte Geschäftsmodelle festzuhalten mittels DRE? Ach ja, ihr müsst eure Investitionen schützen und die eurer Autoren. Aber schützt ihr die nicht besser, wenn ihr angemessene Umsätze generiert und diese vernünftig ausschüttet? Konzentriert euch vielleicht mehr auf den Service für Autoren und Leser als auf DRM.

Was passiert derzeit: DRM ermöglicht es scheinbar, alte Geschäftsmodelle zu verfeinern, z.B. keine Weggabe mehr von einem Buch, wobei der Konsument gegen die Bezahlung einer einmaligen Summe Geld das Eigentum am Träger Buch/CD erhielt. Danach galt der Erschöpfungsgrundsatz und der Käufer konnte mit dem Buch bzw. der CD machen, was er wollte (verschenken, vererben, verbrennen, ein Privatkopie anfertigen usw.). Heute bleibt das Eigentum beim Vertreiber und es geht nur noch um Zugänge, die dann durch den Contentanbieter sogar dauerhaft kontrolliert werden können (Lizenz) und für die immer wieder Geld verlangt werden kann (fürs Hosting, für die Fortführung der Lizenz, für die Archivierungsrechte, für die Aktualisierung etc.) – boah, die Entdeckung des eigenen Goldesels. Dadurch verschieben sich die rechtlichen Relationen genauso, wie die uns suggerierten, wenn es um Eigentum geht, d.h. Eigentum wird zugunsten von Zugang abgelöst. Und frecherweise wird dann besonders im privaten Bereich auch noch einfach behauptet, Eigentum sei etwas Belastendes, das man immer mit sich rumschleppen muss, das einen die Luft zum Atmen nimmt und das einschränkt. Wer heutzutage materielle Dinge sammelt ist sehr schnell ein Messi. Also, alles für die persönliche Freiheit! (Ergänzt: Die neuen Relationen im Bezug aufs Recht sind sehr gut gut erklärt bei Oliver Flimm.)

Was transportiert der DRM-Anwender nach Außen? Es sind die gleichen Argumente, die man schon im Rahmen von Musik und Videospielen gelesen hat, aber sie gelten auch hier. Lieber “Käufer”, du bist so dumm, schlecht zu nutzende und restriktiv lizensierte Ware zu kaufen. Vermutlich bist du auch ein potentieller Dieb “geistigen Eigentums” und deshalb müssen wir uns und unser Eigentum (was ja eigentlich den Autoren gehört, aber gut an dieser Stelle) vor dir schützen. Deshalb sagen wir, du bist kriminell und wir ergreifen alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen, um dir das auch zu sagen.

DRM kostet und ist häufig wenig effektiv. Schon nach kurzer Zeit gibt es umtriebige Gesellen, die die Schwachstellen in den Systemen ausfindig machen und somit eure Entwicklungskosten für DRM, selbst wenn ihr es einkauft, nach oben treiben. Dadurch werden eure digitalen Produkte teuerer als sie sein müssten. Legt lieber Wert auf gute Qualität bei Layout, Rechtschreibung und Grammatik als auf den Schutz vor Piraterie. Ein Großteil Nutzer ist bereit, für elektronische Medien zu zahlen, wenn sie dabei Zeit sparen, eine schlechte, aber immerhin bessere Qualität als DRE-kastrierten Schrott aus anderen Quellen zu beziehen, die euch kein Geld einbringen.

Lizenzen und somit auch DRM zerstören Kindheitserinnerungen. Wer heute seinen Kindern diese bunten elektronischen Bücherchen kauft, die DRM geschützt sind, verhindert, dass diese Kinder später dieses bunte E-Book mit seinen Kindern anschauen kann. Verlage werden wohl kaum die Bücher langzeitarchivieren, es sei denn es lässt sich damit Geld verdienen. Bibliotheken werden diese Bücher nur schwer auf Dauer archivieren können, wenn falsch eingesetztes DRM einen Zugriff auf die Datei verhindert, z.B. weil Nutzungszeiträume abgelaufen sind, die Datei auf zu vielen Geräten bereits installiert wurde oder schlichtweg die Formatierung in eine aktuellere Formatversion eine nicht zulässige Bearbeitung der Daten darstellt. Langzeitarchivierung ade!

DRM schafft Abhängigkeiten. Ein Trend zur Globalisierung ist da bereits seit Jahren zu beobachten. Wer bei Amazon kauft, kann seine E-Books nur mittels weiterer Amazon-Produkte lesen. Wer bei Ciando kauft, kann sein E-Book nicht auf einem Amazon-Produkt lesen usw. DRM-Server werden im großen Stil von Adobe betrieben. Man ist also an verschiedenen Stellen an riesige Anbieter gebunden. Diese erhalten zunehmend eine Monopolstellung und werden somit entscheidend bei der Wahl- und Meinungsfreiheit, die darunter erheblich leidet. Diese Anbieter können dann auch zunehmend den Autoren und kleineren Verlagen ihre Bedingungen diktieren und zuallerst natürlich den Lizenznehmern auf Konsumentenseite.

Liebe DRM-Befürworter, glaubt ihr tatsächlich mit hartem Digitalem Rechtemanagement habt ihr den Stein des Weisen gefunden? Die Lösung all eurer Probleme mit den digitalen Medien und ihren Eigenheiten? Macht ihr euch da nicht eigentlich mehr Stress als es notwendig ist (Stichwort: Vertrauen und nicht Vorverurteilung), schließlich gibt es bereits Gesetze, die euch da genug Handhabe bieten, sollte es zu Urheberrechtsverletzungen kommen. Wenn schon DRM, dann vielleicht doch eher ein forensisches, vielleicht auch gut sichtbar, dass eben auf den Seiten eingeblendet wird, wer das Ganze erworben hat ( nicht so optimal, aber besser als Restriktionen, die vom Gesetzgeber auferlegte Schranken aushebeln). Und warum nicht einfach vorneweg eine Erinnerung an den Leser, dass er eine rechtliche und moralische Verpflichtung hat, im Umgang mit dem E-Book das Urheberrecht zu wahren. Leicht verständlich ist für viele so eine Bitte auch nachvollziehbar.

Jetzt gäbe es sicherlich noch viel mehr zu sagen, aber nachdem ich nun einen halben Roman geschrieben habe, der in beide Richtungen austeilt, sollte es erstmal reichen. Beide Seiten sollten einmal drüber nachdenken, worüber sie sich schreiten. Auf der einen Seite ist nicht alles schwarz und auf der anderen auch nicht alles weiß. DRM muss in all seinen Vor- und Nachteilen betrachtet werden (wenn auch in der Ausprägung des DRE eher keine Vorteile zu finden sind). Und sicherlich bräuchte es noch eine detailliertere Betrachtung in Bezug auf wissenschaftliche Literatur und Freizeitlektüre 😉 Vielleicht ein andermal…

So, beste Grüße auch an jene, die sich ebenfalls zu DRM auslassen im Ramen der Blogparade von Ansgar Warner: Blogparade: Lesen ohne Limit – E-Publishing jenseits von DRM, e-book-news.de ein paar Gedanken niederschreiben.

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12 Kommentare

  • Danke für den zweiten Teil. Die genannten Probleme sehe ich genauso und für die Argumentation ebenfalls volle Zustimmung. Puh. Gut, dass dadurch mein Schreck über den ersten Artikel jetzt wieder verflogen ist 🙂

    Wie schon in meinem Antwort-Blog-Post angesprochen ist es wichtig, die Debatte um “Risiken und Nebenwirkungen” von DRM zu führen. Mein Eindruck ist, dass das hier viel zu wenig passiert und es – speziell im Privaten – sehr wenigen klar ist, welche Kröten sie mit DRM schlucken müssen.

  • Dörte Böhner

    Was vielleicht sicher nochmal zu besprechen und zu diskutieren ist, wie sich die Bibliotheken im speziellen mit DRM auseinander setzen. Da ist es leider zu wenig im Bewusstsein, wenn es z.B. um die Onleihe oder Patron Driven Acquisition (PDA) geht. Zu oft ist “man froh, überhaupt etwas elektronisches bekommen zu haben”. Gerne wird DRM als Problem dann weggewunken, zumal viele Bibliotheken nur noch “Gebrauchsliteratur” anschaffen. Wenn es um Archivgut geht, greift man aufgrund all der ungelösten Probleme (ganz unabhängig von DRM) auf die gute alte Papierware zurück.

  • DRM in Form von E-Books in Bibliotheken sehe ich auch als Problem, wobei dieses vor allem die öffentlichen Bibliotheken mit voller Wucht trifft. Bei uns gibt es das eigentlich kaum. Stattdessen wird man oft an eine reine web-basierte Darstellungsplattform gekettet, über die der von uns dorthin zwangsweise gelotste Nutzer ausgehend von unserem lizensierten E-Book dann noch fleissig auf eigene Rechnung einkaufen kann(soll). Downloadmöglichkeiten sind oft “versteckt” und mit zusätzlichen Restriktionen versehen, wie “Maximal 10 Seiten auf einmal”. Bei einem 300 Seiten Buch sehe ich das schon fast als Affront. Und wenn man dann tatsächlich 10er Packs herunterlädt hätte ich implizit immer die Befürchtung, dass meine IP für einen weiteren Zugriff automatisch geblacklistet wird. Einmal abgesehen davon, dass diese Web-E-Books nach meinem Verständnis überhaupt keine E-Books sind. Aber da herrscht wohl viel Deutungsspielraum, was das ‘E’ betrifft…

    Vor diesem Hintergrund ist es geradezu ein Luxus, wenn mal ein E-Book ausnahmsweise nur kapitelweise zerstückelt wurde und man zumindest PDF-Dateien (DRM-frei) herunterladen kann.

    Die Bibliotheken – ÖB’s wie WB’s – sind hier in keiner glücklichen Lage. E-Books werden von den Nutzern gewünscht (Information at your fingertips), lassen die Bibliothek als “up-to-date” und modern erscheinen (Welche Bibliothek kann in ihrem Existenzkampf darauf verzichten?) und lösen auch noch das Platz-Problem. Diese Situation wird von den Anbietern konsequent ausgenutzt und die Bibliotheken müssen alles zwangsweise schlucken. Ändern würde sich wohl nur etwas, wenn man als Bibliothek – besser noch viele viele Bibliotheken – da nicht mitmacht und damit über die Nachfrageseite die Angebotsseite zu besseren Konditionen gezwungen werden könnte.

    Ein Grundproblem bleibt aber: Mit dem Sprung vom Analogen hin zum Digitalen ändern sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den zahlenden Kunden radikal zum schlechteren. Urheberrecht, Erschöpfungsgrundsatz usw. sorgen dafür, dass der Käufer grundsätzlich am Gängelband der Anbieter hängt.

    Es ist schon interessant, dass gerade Amazon – zuletzt oft gescholten – hier allen anderen vormacht, was Kundenfreundlichkeit ist. Beispiele sind kostenlose MP3′s für dort erworbene Vinyl-LP’s, Amazon Prime Leihbücherei, umfangreiches Sortiment, usw. Einzig die Preise bleiben z.T. hoch. Lediglich englische Bücher sind etwas erträglicher. Aktuelles Negativbeispiel: Game of Thrones, 5 Bücher. In der deutschen Ausgabe wurden die 5 Bände auf 10 Paperbacks aufgeteilt, jedes a 15 EUR. Die E-Books kosten bei Google Play knapp 13 EUR pro Buch, also 130 EUR für alle. Die englische Gesamtausgabe kostet bei Amazon knapp 35 EUR. Noch ein Schmankerl: Libreka bietet die englische Gesamtausgabe für 102 EUR an – mit Adobe DRM und 3 Downloads… Insofern wären für mich persönlich nur E-Books von Amazon und damit die Kindle-Plattform eine Option. Die deutschen E-Book-Plattformen überspannen hier den Bogen massiv.

    (Kopie meiner Anwort auf Deine Frage aus meinem Blog)

  • Dörte Böhner

    Hm, mal wiedergefunden, die Seiten von Christian Pansch zu DRM – kritisch durchleuchtet. Ich glaube, es sollte doch immer zu denken geben, wenn eine Seite nur Vorteile von etwas (in diesem Fall DRM) hat und auf der anderen Seite (in dem Fall beim Nutzer/Kunden) sich die Nachteile häufen …

  • Pingback: Gelesen in Biblioblogs (18.KW’13) | Lesewolke

  • Über die Piraterie-Problematik hat Greenheart Games einen interessanten, wenn auch bitteren Artikel aus Sicht eines Inhalteanbieters veröffentlicht.

    http://www.greenheartgames.com/2013/04/29/what-happens-when-pirates-play-a-game-development-simulator-and-then-go-bankrupt-because-of-piracy/

    Interessant sind hier aber die Einlassungen zu DRM, die ich als zahlender Kunde genauso sehe:

    Fact is that any game can be cracked, so all you do is spend time on something that in the end just annoys your real customers while only slightly delaying the inevitable.

    Gerade Indie-Game-Entwickler sind hier deutlich progressiver als die Grossen der Spielebranche. Nachhaltig hat mich hier der Film “Indie Game: The Movie” (den gabs mal in einem Indie-Bundle) beeindruckt, der einen interessanten Einblick in den Mikrokosmos unabhängiger Spieleentwickler gibt.

    • Dörte Böhner

      Danke für den Tipp. Es sind immer wieder die gleichen Argumente und das seit Jahren.
      DRM schützt vorm Benutzen (Okt. 2011)
      Schützen vorm Benutzen (Feb. 2010)
      DRM unterstützt Raubkopierer (Feb 2009)

      Ich hab manchmal das Gefühl, aktive Nutzer (mich sträubt es immer Konsument zu sagen) sprechen mit guten Contra-Argumenten, nur es kommt bei den Anwendern von hartem DRM nicht an, weil sie nur noch in Profitmargen denken.

      • Eines der Akzeptanz-Probleme von DRM ist sicherlich auch, dass es DRM nicht nur in Form eines Kopierschutzes gibt – im Sinne der gerechtfertigten Eindämmung von Raubkopien, sondern immer im Bundle mit allen möglichen anderen Maßnahmen, mit denen zahlende Kunden de facto übervorteilt werden. Zur Problematik der Anonymität des Nutzers hattest Du z.B. ja schon einen Link gesetzt.

        Das Geschäftsmodell scheint mir zu sein aus der technischen Individualisierung und den Technologiebrüchen das Maximale herauszuholen sowie bewusst Walled Gardens zu erschaffen mit dem Anbieter als Gatekeeper im Kassenhäuschen.

        Ein Beispiel ist, das Produkt wieder und wieder an den gleichen Nutzer (oder sein Umfeld) zu verkaufen, also z.B. erst die Vinyplatte, dazu dann die kopiergeschützte CD und für den portablen Genuss noch ein MP3 mit hartem DRM. Dreimal bezahlen ist nicht kundenfreundlich, vom damit verbundenen Frust der Nutzung mal abgesehen. Bei Familien mit Kindern multipliziert sich das entsprechend noch.

        Die Informationen zu den zwangsregistrierten Nutzern kann man dann auch noch zusätzlich gewinnbringend verscherbeln.

        Bei so einem Ungleichgewicht zwischen Anbietern und Nutzern kann es keine Akzeptanz von DRM geben – wobei hier sicherlich auch einiges über einen deutlich nach unten angepassten Preis korrigiert werden könnte (wenn man die individuelle Profilbildung mal weglässt). Aber wie Greenheard Games schon geschrieben hat: DRM trifft immer primär den ehrlichen Käufer.

        • Dörte Böhner

          Neben dieser sehr einseitigen Ausrichtung zu Ungunsten des (ehrlichen) Nutzers kommt, wie Du mehrfach schon gesagt hast, dass er durch Technik einen Eingriff in seine Privatsphäre akzeptieren wird. Da tut jemand etwas auf dem eigenen Rechner (Überprüfung von Lizenzen) und man weiß nicht genau, was an Daten abgefragt wird, wie häufig, etc. Das ist “scary”, wie es so schön in Englisch heißt, d.h. beängstigend, schockierend, erschreckend… Daueronline zu sein, um Medien zu genießen, seien es Spiele, Musik oder Bücher, halte ich für ein ganz großes Problem. Das Mitschneiden des Lese- und Hörverhaltens für einen absoluten Eingriff in die Privatssphäre.

          Nicht ganz d’accord gehe ich mit dem gleichen Produkt und dreimal zahlen. Bereits beim Buch in gedruckter Form musste ich mich entscheiden, möchte ich es als Hardcover, als Paperback oder in einer älteren (unveränderten) Auflage. An der Stelle würde ich eine berechtigte Grenze sehen. Und sofern kein hartes DRM auf meiner CD ist, ist ja das (kostenlose) Umwandeln in MP3s kein Problem. Diesen Aufwand halte ich da schon für zumutbar. Aber das fällt dann unter das Thema Privatkopie, die eben bei elektronischen Medien i.d.R. verhindert werden soll durch die technischen Schutzmaßnahmen.

          Was die Bezahlung angeht, habe ich manchmal Bauchschmerzen. Einerseits ist es gut, wenn ich von einem Buch nur ein Kapitel/ von einem Album nur ein Lied möchte, dass ich dies “kaufen”, d.h. i.d.R. lizensieren kann und dafür ggf. ein wenig mehr zahlen muss (aber möglichst immer noch geringer als das Gesamtwerk zu bezahlen). Problematisch wird es, wenn hier die Relationen nicht mehr stimmen, z.B. bei Zeitschriftenartikel, wo ein Heft in Papierform beim Verlag nachbestellt etw. 60 Euro oder 120 Euro kostet, einer der zehn darin enthaltenen Beiträge aber 45 Euro? Das ist Abzocken und wird noch besser, wenn man sich das reine Lesen (kein Drucken, kein Kopieren, 24 h Lesezugang über DRE gesteuert) eines Beitrages bezahlen lässt, wie das “Mietmodell” (Aug 2012), das die TIB für einige Zeitschriften testet. Muss man als Bibliothek alles akzeptieren, nur um den Zugang zu einem Inhalt in irgendeiner Form gewähren zu können?

          Die elektronischen Medien und die neuen Geschäftsmodelle verändern nicht nur den rechtlichen Rahmen, sondern sie verändern auch fundamental etwas. Wir bezahlen nicht mehr den Inhalt, das Eigentum, sondern wir als Bibliotheken, Nutzer, Konsumenten bezahlen den Zugang. Möchten wir dauerhaften Zugang mit besonderen Nutzungsrechten, dann müssen wir entsprechend tief in die Tasche greifen, wollen wir die Vorteile elektronischer Verfügbarkeit in vollen Zügen ausnutzen.

          Die Mehrwerte steigen, selbst wenn das “Grundwerk” gedruckt vorliegt. Denkt man hier an die Codes für die elektronische Version des gleichen Buches (Suchfunktion, Aktualisierung, Kopierbarkeit per Copy&Paste) oder für Zusatzmaterialien, ohne die das Buch nicht mehr nutzbar ist, z.B. Word-Vorlagen bei Bewerbungsbüchern, Filmaterial mit den eigentlichen Erklärungen etc. Diese Codes stehen für Endnutzer-Lizenzen (Einzelplatz). Hier kann nur der drauf zugreifen, der das Buch für sich persönlich gekauft hat. Bibliotheken sind außen vor. Der Käufer eines gebrauchten Buches auch derzeit.

          DRM beschränkt den Zugang (bestimmt durch Lizenzen), also nicht nur die Nutzung und damit wird es gleichwohl noch komplizierter.

          • Der Eingriff in die Privatssphäre über das Schlupfloch der Lizenzüberprüfung oder komplett in die Plattform (z.B. Kindle und andere) integriert ist wirklich scary.

            Inzwischen scheint sich auch hier der Trend auszumachen vom Inhaltsanbieter direkt zum Kunden – ohne Umwege über Buchhandel oder Bibliotheken. Die von Dir angesprochenen Buch-Codes passen genau da hinein. Ebenso, dass Amazon inzwischen auch selbst als Verlag auftritt.

            In der Süddeutschen vom 13.3.2013 war auf “Seite Drei” ein Artikel über den Buchhandel mit dem Titel der “Der letzte Schrei” von Renate Meinhof. Dort werden auch Informationen über die Aufteilung der Buchverkäufe 2012 gegeben. Demnach laufen immerhin noch knapp 48 Prozent über den stationären Buchhandel, knapp 18 Prozent auf den gesamten Internethandel (von dem Amazon nur ein Händler ist…) und – dass ist die wesentliche Zahl – knapp 19 Prozent direkt von den Verlagen. Der Buchhandel wird also nicht primär vom “bösen” Amazon torpediert, sondern immer mehr von den Verlagen.

            Das ist auch nicht weiter verwunderlich, möchten sie die “Verkaufsprovisionen” doch besser gleich selbst einbehalten. Das kann man ihnen nicht grundsätzlich vorwerfen.

            Was bedeutet das dann aber für die Bibliotheken, wenn der Trend schon zum Ausklammern des Buchandels geht.? Welche Rolle wollen bzw. können die Bibliotheken zukünftig noch spielen?

            Wenn sich Bibliotheken die Bedingungen weiterhin so diktieren lassen (müssen..?), dann wird die langfristige Entwicklung wahrscheinlich nicht so rosig sein.

  • Korrektur: knapp 50 Prozent laufen über den stationären Buchhandel.