[Adventskalender] 02.12.2019 – Egon Erwin Kisch

Egon Erwin Kisch (29. April 1885 in Prag; gestorben 31. März 1948) wurde 2019 gemeinfrei.

TAGEBUCHAUFZEICHNUNGEN WEIHNACHTEN 1939

Egon Erwin Kisch, 1931 via Wikimedia Commons

Samstag, den 23. Dezember 1939. – Bin wieder Gefangener auf dem Schiff. Meine Kabine ist abgesperrt. Durchs festgeschraubte Bullauge sehe ich die Neue Welt, der ich vierzehn Tage, Kriegstage lang auf der “Pennland”, Holland-Am.-Line, entgegenfuhr, langsam durch Minenfelder, rasch einem gesunkenen torpedierten Griechenkargo “Germaine” zu Hilfe, und schaukelnd in einer besonders stürmischen See. Das ärgste war die Kontrolle durch die englischen Behörden in Southampton, die freilich nur mich betraf. Sie verpatzten mir den Paß durch ein ostentatives Landungsverbot, obwohl ich weder landen wollte noch konnte, und erhöhten die Wahrscheinlichkeit dessen, was bisher nur leichte Möglichkeit war: Landungsverbot in Amerika. Dennoch ließ ich mir’s gut gehn, “verlobte” mich mit der Bochumerin Hilde Markus und spielte mit Kindern. Daß mein Koffer aus unerfindlichen Gründen nicht an Bord gekommen war, focht mich wenig an. Erst heute, als die Freiheitsstatue und die Felsenlandschaft der Wolkenkratzer an uns vorüberschwamm, meldete sich die Krankheit wieder, die ich vor jeder Grenze zu überstehen habe: die Grenzenkrankheit. Mit dem Pilotenschiff kamen die Reporter und Leonard Mins namens der Guild of American Writers. Der Immigration Officer sagte, mein Paß sei nicht in Ordnung, denn ein chilenisches Visum aus Paris genüge nicht für ein Durchreisevisum nach Amerika, obwohl es dem Amer. Generalkons. in Paris genügt hatte. Ich müsse eines vom chilenischen Konsulat in N. York haben. Während er mit mir sprach, zeigte ihm ein Beamter einen Zettel, ohne Zweifel etwas über mich. “Ich weiß”, sagte er. Ich muß also aufs “Island” -.Euphemismus für EIlis Island, die Insel der Tränen. Aber die EIlis Island ist komplett, die Mannschaft des deutschen Passagierdampfers “Columbus”, der sich vor drei Tagen in die Luft sprengte, ist dort untergebracht, 1000 Mann. Deshalb müssen wir auf der “Pennland” bleiben, aber das ist die “Pennland” nicht mehr. Bis jetzt waren Sie unsere Gäste, jetzt sind Sie unsere Gefangenen – sagte ein Steward, und sie ließen es uns fühlen. Außer mir sind ihrer acht Personen da, und sie haben gebeten, morgen soll kein Fleisch serviert werden. Die Mehrheit deshalb, weil morgen Assarah Betewet ist, ein jüdischer Festtag, die verschwindende Minderheit, weil morgen Weihnachtstag ist. Aus der versperrten Kabine sehen wir die Hoboken Docks der Holland-America und der Gdynia-Am.-Line, 6 street, ferner rechts die Skyscrapers. Zeitungen haben wir bekommen, Weihnachtsnummer optimistischen Inhalts, auch daß ich gestern gelandet bin, steht darin. Brief von Weiskopf, Paket von Joris Ivens, Grete und F. F. c., Telegramme von Klaus und Erika Mann aus Princeton.

Weihnachten und Sonntag, 24. 12. 1939. Nachts in der versperrten Koje, tags in der Lounge, Langeweile und Sorge. Draußen denken Freunde an mich, aber dürfen mich nicht besuchen. Hanns Eisler und Reni telegrafieren, sie erwarteten mich mit Ungeduld. Was ist das aber gegen die meine, [die hoffnungslos ist.] – Abends gibt der Purser eine Runde Bier aus für uns, my turn ist Trude Klare.

Montag, der 25. Dezember, verläuft ebenso bewegungslos und aufgeregt wartend wie der Tag vorher. Kein Mensch darf an Bord, kein Bote kommt an Bord. Endloser Tag. Und der morgige?

Dienstag, 26. Dezember. Herunter von der “Pennland”, auf der wir mehr als 14 Tage waren, herunter mit dem Gepäck (meines blieb in Belgien) in die eiskalten Docks, wo Zollrevision vorgenommen wird, dann auf einem Tender zu der von der Freiheitsstatue (ich versteh immer Freiheitsstatue) gehüteten Gefängnisinsel. Hier war ich vor 10 Jahren als Reporter bei den Stowaways. Jetzt warte ich mit den paar Hunderten. Ein Zettel, uns eingehändigt, besagt, wir mögen, bitte, mit Geduld auf unser Verhör durch die Spezialverhörskommission warten. Einverstanden. – Ich rufe Irma Otte an: “She passed away”, sagt mir eine Stimme, die zu meiner Enttäuschung nicht die von Irmchen ist. Ich frage, wann Irma wiederkommt: ,.Don’t you understand, she passed away?” Ich frage nach der Telefonnummer, und der vorige Satz wird so entsetzt wiedergefragt, daß ich stottre: “Ist sie gestorben?” – ,Ja.” – Schrecklich, schrecklich, das ist es, was mich, bisher den einzigen Gutgelaunten, niederwirft. – Telefongespräch mit Grete Weiskopf, Telegramm von Louis Fischer. Begegnungen mit Landsleuten, Lesern, sogar mit einem Verwandten Kraus aus Jilovi. – Vor Essen ruft das Personal “Für jüdische Leut” zu den Koscher-Tischen, an den anderen essen Malayen, ganz ferne die Mannschaft der “Columbus”. – Diese wohnt auf den Galerien des großen Saales und schaut auf die Juden hinab, die allerdings einen elektrisch strahlenden Weihnachtsbaum haben. Gelobt sei Moses Christus.

Mittwoch, 27.12. Ich kann nicht schlafen, wenn Licht brennt. Der Schlafsaal, in dem ich mit 22 andern lag, ist besser, als er vor 10 Jahren war. Aber einen Platz, wohin man die Kleider und Tageswäsche kgen oder hängen könnte, gibt’s nicht. Mittags vergaß ich meine Brille im Speisesaal und ging hin zurück. Dort aber war schon die nächste Schicht – 600 Nazis. Viele sahen mich groß an, ich hörte meinen Namen. Nichts geschah. “Aber treff ich dich draußen im Freien … ” Die Brille war übrigens abgegeben worden. Bibliothek – Von den 9 Schiffbrüchigen der “Pennland” sind 5 bereits geheilt entlassen. Vom Generalkonsulat kam 1 Flasche Kognak und 1 Hemd, gekauft von Laurin. Von der Writers Ligue ein Telegramm, daß der chilenische Konsul das Pariser Visum affirmiere, von Oskar Maria Graf namens der deutschen Schriftsteller ein netter Brief. – Abends Bekanntschaft und langes Gespräch mit dem chinesischen Kollegen H. T. Tsiang, der schon monatelang hier ist. Er zeigt mir Gedichte, die er über Ellis Island schreibt: Gespräche über Pässe, Transitvisa, Visitors-Visa, Immigration-Visa; er erzählt von Selbstmorden.

Donnerstag, 28. 12. Seit drei Tagen gehen wir hier auf den Fliesen auf und ab, und die Nazi-Offiziere schauen auf uns hinunter. – Wir kennen einander schon so, daß wir jede Bewegung voraussehen. “Show-up” heißt diese An von Vorführung im Chicagoer Polizeigebäude. Das, was unser Gefängnis von jedem andern unterscheidet, ist die Telefonzelle. Eine Kerkerzelle mit Telefonzelle gibt’s sonst nirgends. Man kann sich, sofern man einen Nickel gab, in die übrige Welt einschalten und kann es doch nicht. Angerufen kann man nicht werden – Verhandlung – Folksome und Paul Kisch als Zeugen, 500 Dollar Bond, Frei! Frei! Frei! – Spaziergang im Hof, der statt 4 nur zwei Wände hat, die fehlenden sind Wasser – Hier wie oben in der Halle fühlt man die Schritte, spricht über Transit- und Visitors-Visen und Affidavits, über Einwanderungsquoten. Das Telefon, die Wäscheleine in der Damentoilette, Garn und Stricknadeln vom Komitee, viele Herren haben ihre Arbeitsgeräte zum Glück mit: Spielkarten. Der Chinese H. T. Tsiang, Schriftsteller. – Re-Enter-Permit – Garn und Stricknadeln für Arbeit. Alle· sind unschuldig, unkriminell und ungewiß. – Schnelles Essen. – Die beiden amerik. Fahnen. Ja, Neger sind hier, einst mit Gewalt eingewanden worden. Hinter mir verschwimmen 4 malachitgrüne Zwiebelkuppeln, 7 graphitgrüne Wasserbanks.

Quelle

Kisch, Erwin Egon: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1960-1993; Auszug aus: Bd. [X] (11) Läuse auf dem Markt – Vermischte Prosa . Ausgabe 1985. S. 151-154 [InternetArchive]

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