Das Bibliothekssterben geht weiter: Die Tötung dreier Dessauer Stadtteilbibliotheken schreitet voran

“Es ist ein weiteres Stück Alltagskultur, das uns damit unwiederbringlich verloren geht. Bibliotheken sind ein Ort der Bildung und der Kommunikation, beides brauchen wir in unserer Stadt ganz nötig”

Guido Frisch (Vorsitzender des Fördervereins der Anhaltischen Landesbücherei)

Das Jahr 2020 liegt noch weit voraus, denn der Nicht-Buch lesende Junge auf dem Wandbild, welcher von der Künstlerin Arlett Streich entworfen wurde, wird wohl in Zukunft nicht alleine sein.  Wenn Kommunen wie Dessau bereits frühzeitig Bibliotheken und andere Kultureinrichtungen kaputtsparen, wird das (keinesfalls beabsichtigte) Ziel einer “kulturfreien Zone” wohl noch vor 2020 Realität werden.

Am 30.06. fand in der Stadtteilbibliothek Süd in Dessau die “letzte Lesung” statt. Bürger aus vier Stadtteilen setzten sich für den Erhalt der Bibliothek ein und lancierten Unterschriftenlisten, worüber Netbibliog bereits am 02.05. berichtete.  14.100 Unterschriften konnten eine Schließung nicht verhindern. Dies alles nutzte leider nichts, denn nun wird es dort nach 55 Jahren keine Stadtteilbibliothek mehr geben. Zur letzten Veranstaltung der Stadtteilbibliothek-Süd waren auch Stadträte und Landespolitiker eingeladen. Am Ende kam niemand von ihnen, um sich den Fragen der wütenden Bürger zu stellen. Uwe Weber von der Initiative “Land braucht Stadt” äußerte sich hierzu folgendermaßen: “Eine Menge Sparmaßnahmen sind einfach durch die kalte Küche in die Kommunalpolitik eingeschoben worden”. Was wird nun aus den 600 LeserInnen? Wird die Hauptbibliothek dann bald mehr Zuwachs bekommen? 15.000 Medien werden nun umgelagert, entsorgt und aussortiert. Das Gebäude wird aber weiterhin genutzt werden. Es wird als Schulbücherei genutzt, aber seinen Charakter als öffentlichen Ort verlieren. Das durch die Stadträte beschlossene Haushaltskonsolidierungskonzept sieht vor bis zum Jahr 2014 10,257 Stellen der Landesbücherei Anhalt einzusparen. Ergeht es zukünftig vielen Kommunen wie Dessau so? Dadurch, dass  die Alterung der Gesellschaft ein Weniger an Bibliotheken politisch rechtfertigen könnte, ließen sich dann Einsparungen und Schließungen leichter rechtfertigen? Demnächst werden in noch zwei Stadtteilen Dessaus Bibliotheken geschlossen: In Zoberberg und in Ziebigk

Im folgenden Video wird über die Schließung der Stadtteilbibliothek-Süd berichtet. Es kommt unter anderem Günter Frisch zu Wort, der Vorsitzender des Fördervereins der Anhaltischen Landesbücherei ist.


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[Zitat] Unkommentiert – 2011

“[…] I heard some politician say recently that closing libraries is no big deal, since the kids now have the Internet to do their reading and school work. It’s not the same thing. As any teacher who recalls the time when students still went to libraries and read books could tell him, study and reflection come more naturally to someone bent over a book. Seeing others, too, absorbed in their reading, holding up or pressing down on different-looking books, some intimidating in their appearance, others inviting, makes one a participant in one of the oldest and most noble human activities. Yes, reading books is a slow, time-consuming, and often tedious process. In comparison, surfing the Internet is a quick, distracting activity in which one searches for a specific subject, finds it, and then reads about it—often by skipping a great deal of material and absorbing only pertinent fragments. Books require patience, sustained attention to what is on the page, and frequent rest periods for reverie, so that the meaning of what we are reading settles in and makes its full impact. How many book lovers among the young has the Internet produced? Far fewer, I suspect, than the millions libraries have turned out over the last hundred years. Their slow disappearance is a tragedy, not just for those impoverished towns and cities, but for everyone everywhere terrified at the thought of a country without libraries.”

Charles Simic (Auszug aus “A Country Without Libraries“, erschienen am 18.05.2011 in “The New York Review of Books”)

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Gelebte Integration in Bottrop bedroht

In der Boy in Bottrop gibt es die “Lebendige Bibliothek”, eine Zweigstelle der Stadtbibliothek Bottrop. Diese Stelle ist mehr als nur eine Ausleihbibliothek. Sie ist vielmehr eine Begnungstätte für Jung und Alt. Darüber hinaus ist sie vor allem ein Vorzeigebeispiel für Integration und Bildung. Die Bibliothek punktet durch ihre zentrale Lage. Die Bedingungen und der Standort sind so ideals, dass sie Anlaufpunkt für viele Kinder aus allen Religionen ist, die dort gemeinsam lesen und spielen. Und diese Bibliothek soll jetzt geschlossen werden. Doch so schnell geben die ehrenamtlich dort arbeitende Mona Falkenberger und ihre Mitstreiter nicht auf.

Eigentlich sollte die Bibliothek in der Boy bereits geschlossen sein, aber die Stadt hat trotz der angespannten Haushaltslage (der Grund für die Schließung) erstmal einen Aufschub bis zum Sommer gewährt. Falkenberger will jedoch nicht aufgeben. Auch Emel Kirlioglu wehrt sich gegen die Schließung, da viele Dinge dadurch kaputt gemacht würden und alle Stadtteilbewohner davon betroffen wären. Die Bibliothek stände für Bildung und praktiziere und lebe Integration.

Um ihren Forderungen Nachruck zu verleihen, sind Falkenberger und ihre Helfer aktiv geworden. So wurden bei dem gemeinsamen Frühstück in der Ditib-Maschee Listen ausgelegt, wo jeder seine Stimme für den Erhalt der Boyer Zweigstelle eintragen konnten. Diese Listen wurdne überall ausgelegt und bisher hat man bereits mehr als 300 Unterschriften gesammelt. Auch Anmeldekarten für die “Lebendige Bibliothek” wurden verteilt, wovon viele ausgefüllt ihren Weg zurück in die Bibliothek fanden.

Falkenberger hofft auf die Einsicht der Politiker, dass hier am falschen Ende gespart wird, besonders wenn sie in die Augen der Kinder schauen würden. Sie selbst denkt positiv und ist zuversichtlich.

Quelle:
Kohl, Dennis: Bücherei Boy : „Wir leben hier Integration“, derWesten, 09.02.2011

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