Unser digitales Gedächtnis: ein Sieb mit vielen Löchern

Steintafeln halten ewig, Disketten und CDs nicht. Atari-Dateien lesen ist schon verflucht schwer. Bibliotheken suchen verzweifelt nach Lösungen zur Langzeitspeicherung. Europa will sich vereinheitlichen: Muss man am Ende wieder Daten in Büchern ablegen?

Dies ist die Einleitung des Artikels von Hendrik Werner in Welt Online.
5100 Jahre wie Tontafeln aus der Metropole Uruk am Euphrat hat kein Stück Papier gehalten und unsere digitalen Medien halten kaum 20 Jahre. Aber nicht nur die Haltbarkeit der Trägermedien digitaler Daten ist ein Problem, sondern auch ihre Kodierung. Wie soll man noch Daten entziffern, die in den Neunzigern auf einem Atari-Computer geschrieben wurden? Mitte der Achtziger jubelte der Philosoph Vilém Flusser noch in seinem Manifest „Die Schrift“:

„Es gibt jetzt Codes, die besser als die der Schriftzeichen Informationen übermitteln. Was bisher geschrieben wurde, kann besser auf Tonbänder, Schallplatten, Videobänder oder Disketten übertragen werden. Künftig wird mit Hilfe der neuen Codes besser korrespondiert, Wissenschaft getrieben, politisiert, gedichtet und philosophiert werden können als im Alphabet.“

Tja, heute kann man nur noch traurig darüber schmunzeln. Am effektivsten und am dauerhaftesten für die Archivierung hat sich noch immer das Buch erwiesen, totgesagt und schwachgeredet.

Der Bibliothekswissenschaftler Uwe Jochum warnt vor der Alterung der Hardware digitaler Speichermedien, die es notwendig mache, die Systeme alle drei Jahre auf neue, kompatible Versionen umzustellen.

Das Ergebnis der Konferenz zur Digitalen Langzeitarchivierung in Frankfurt a. M. hat viele Fragen aufgeworfen, aber keine Antworten gefunden. Man einigte sich nur darauf, dass die Kräfte auf europäischer Ebene gebündelt werden müssen, um die vielfältigen Probleme rasch und möglichst ressourcenschonend zu lösen. Wichtig dafür ist die Standardisierung von Workflows und Prozessen für die digitale Langzeitarchivierung.
Neil Beagrie von der British Library warnte davor:

„Die Risiken, die mit einem Nachlassen der gemeinsamen Bemühungen verbunden sind, sind kaum zu kalkulieren. Wir stehen alle in der Pflicht, das Bewusstsein für die Bedeutung dieser globalen Herausforderung hochzuhalten“.

Quellen:
Werner, Hendrik: Digitale Gedächtnisse bekommen Alzheimer auf WELT ONLINE
Experten vereinbaren multinationale Zusammenarbeit bia Börsenblatt Online

Mehr Informationen:
Herausforderung: Digitale Langzeitarchivierung. Strategien und Praxis europäischer Kooperation


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Langzeitarchivierung kippelt

Hier nochmal ein paar Informationen rund um die Langzeitarchivierung. Der Artikel ist kurz vor dem Hilferuf aus dem Deutschen Musikarchiv erschienen.

Mit zwei Problemen haben die Archivare von Informationen zu kämpfen:

  1. Einmal mit dem exponentiellen Wachstum von (digitaler) Information
  2. und andererseits fehlenden Möglichkeiten für die Langzeitarchivierung.

Derzeit gängige Speichermedien für digitale Daten wie CDs, DVDs, Festplatten unterliegen mechanischen und erosiven Einflüssen und müssen daher als ungeeignet angesehen werden. Ein weiteres Problem ist die fehlende Kompatibiblität von Speicherdateiformaten und der Lesesoftware.

Mit den digitalen Datenmengen verhält es sich wie mit dem Klimawandel, den alle kennen, aber niemand weiß, wie er in den Griff zu bekommen ist. Die Marktforscher von IDC haben mit ihrer Studie zum digitalen Datenaufkommen „The Expanding Digital Universe“:engl: versucht, dem Phänomen einen Namen zu geben.

Wohin also mit der anschwellenden Datenflut, die sich schon 2010 zu zwei Dritteln aus den privaten Quellen speisen wird. Die gute, alte Festplatte reicht heute selbst da kaum noch aus. Stark im Ansteigen ist die Verwendung von Flash-Speichern, wie sie in USB-Sticks und in den meisten tragbaren digitalen Endgeräten wie Handys oder Musik-Playern verwendet werden. Technisch gesehen könnten sie auch die rotierende Festplatte in PCs ersetzen.

Die technische Möglichkeit ist derzeit finanziell jedoch nicht zu stämmen. Aber auch Festplatte und Flash-Speicher sind keine Lösung für eine langfristige Speicherung der digitalen Daten. Diese müssen daher weiterhin auf CDs und DVDs geschrieben werden.

Der deutsche Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft (IFPI) hat erst diese Woche errechnet, dass sich die Zahl der Benutzer, die sich digitale Inhalte auf CD/DVD brennen, von 1999 bis 2006 vervierfacht hat. Auf der Hitliste ganz oben ist nach wie vor Musik (70 %), gefolgt von privaten Fotos oder Videos (67 %) – Hauptverursacher des „digitalen Urknalls“.

Allerdings sind sich die Forscher zurecht uneinig, wie lange solche Träger halten. Dass die von den Herstellern häufig bezeugte Haltbarkeit von 50 Jahren bei richtiger Lagerung und Behandlung nicht hinhaut, haben unlängst die Schlagzeilen aus dem Deutschen Musikarchiv bewiesen.

Quelle:
FORMAT – Die digitale Ewigkeit ist wackelig: Wie Datenberge richtig konserviert werden auf networld.at (17.03.2007)


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