Reisetipp für Leseraten und Bücherwürmer

In Norwegen acht Busstunden nordwestlich von Oslo befindet sich das einsame gletscherumrahmte Dorf Fjærland, das 300 Einwohner hat. Das Örtchen lebte bis in die Mitte der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts von durchfahrenden Touristen, doch als in der Nähe ein Tunnel gebaut wurde ebbte dieser Strom ab. Die Touristen mussten nun nicht mehr durch Fjærland fahren und blieben so aus. Kari und Klaus, zwei Bewohner des Ortes, entschieden das dies nicht so weiter gehen kann. Die beiden erinnerten sich an das walisische Hay-on-Wye, das sie einst besucht hatten. Dieser Ort in Wales ist das älteste und erste Bücherdorf. Da das Geld in Fjærland knapp war, baten sie die Kommune um ein Startkapital und verschiedene Büchereien, Verlage, Universitäten sowie Privatpersonen um Bücherspenden. Zur Eröffnung des “Den norski bokbyen” 1996 kam der Kulturminister und heute ist das Dorf wieder eine Touristenattraktion.

Das Konzept ist denkbar einfach: die zwölf kleinen Buchläden bieten heute eine Viertelmillion Secondhand-Bücher an. Von Vorteil ist, wenn man die norwegische Sprache beherrscht, da 80 Prozent der Bücher in der Landessprache verfasst sind, aber auch deutsche Bücher sind zu bekommen. Der Bestand wird nur durch Spenden aufgebaut, die dann zu Schnäppchenpreisen verkauft werden. In den Sommermonaten, genauer gesagt vom 1. Mai bis zum 30. September, leben die Bewohner vom Geschäft mit dem Buch, in den Wintermonaten haben sie “Zweitjobs” und die Buchläden sind geschlossen. So ist z.B. die Buchdorf-Chefin Randi im Hauptberuf Rinderzüchterin. Dies hat sich, wie die Buchbeschaffung, aus dem Mangel an finanziellen Mitteln ergeben, weil alles wenig kosten soll improvisiert man. So setzt man neben den Bücherspenden auch auf freiwillige Helfer. Diese können hier ein wenig Geld verdienen und während ihres Aufenthaltes kostenlos im Dorf wohnen. So ungewöhnlich wie die Idee ist auch die Unterbringung der Läden. Da dient neben einem Stall auch eine windschiefe Hütte mit Freiluftregalen davor als Buchläden.

Eine Reise ins “Den norski bokbyen” lohnt sich vor allem für Naturverbunde Leseraten, die zudem gern wandern, denn dazu lädt die Landschaft ein. Auch Hundebesitzern die ihren Vierbeiner mitnehmen wollen und dennoch endlos in Bücherkisten schmökern möchten, sei das kleine norwegische Dorf empfohlen. Für all jene, deren Budget für eine Reise nach Norwegen nicht reicht, sei geraten sich doch um einen Ferienjob in mitten der schönen Landschaft und Bergen voll Kisten und Bücherstapeln zu bewerben. Ich wünsche gute Reise und freue mich wenn der ein oder andere die Kommentarfunktion zu einem kleinen Reisebericht nutzen würde.

Aufmerksam geworden durch:
Plieninger, Jürgen : Das Bücherdorf in Norwegen via Netbib.de

Quelle: Haupt, Friederike: Bouquinisten unter sich im Schweinestall. In: Frankfurter Allgemeinen Zeitung

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Norwegen: Legales Filesharing – Verbotenes DRM

In Norwegen fordert die liberale Partei Venstre eine Legalisierung von Filesharing und zugleich ein Verbot von DRM. Die Industrie ist über so eine radikale Lösung nicht erfreut. Eine entsprechende Resolution wurde am Sonntag durch die Partei veröffentlicht.

“Wir haben die einzigartige Chance, Kultur, Ideen und Wissen in einer Art und Weise zu verbreiten, die zuvor nicht möglich war”, erklärte Parteisprecher Jonas Stein Eilersten. “Wir denken, dass diese Resolution ein großer Schritt in diese Richtung ist.” Die geforderten Änderungen beim geltenden Urheberrecht sollen laut Eilersten verhindern, dass Käufer von digitalen Inhalten zu “Kriminellen” werden.

Die Entschädigung der Urheber soll durch einen Pauschalbetrag erfolgen. So wäre eine zusätzliche Abgabe, z.B. von 1,00 € pro 100 GB Speicher, denkbar, ähnlich wie dies derzeit bei Kopierern gehandhabt wird. Auch Werbung zur Finanzierung des Filesharing-Contents wäre denkbar.

(Quelle: Pilzweger, Markus, Filesharing: Norwegische Partei fordert Legalisierung via tecchannel)

Allerdings ist mir bei der Lösung einer Finanzierung durch Werbung zweifelhaft, ob die Einnahmen durch die Werbung dafür ausreichen würden. Nutzer werden zunehmend geschult, Werbung zu erkennen und auch zu meiden. Ein weiterer Punkt ist, ob Urheber sich mit einer pauschalisierten Vergütung zufrieden geben würden. Wenn die Content-Industrie hohe Gewinne verspricht, ist es zweifelhaft, ob die Urheber dann nicht lieber ihnen vertrauen würden als einer Behörde, die ihnen pauschale Cent-Beträge verspricht.
Gerade die Pauschalsysteme in Deutschland sind heftig in die Kritik gekommen.

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